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viv@t – Iphis, vom Mädchen zum Jungen?

Ein “Lösungsvorschlag” für die Liebe zwischen zwei Frauen von Ovid

Die Frau ist schwanger, der Mann macht klar, dass er nur einen Sohn akzeptieren wird, die Frau bringt heimlich ein Mädchen zur Welt – und erzieht es vor den Augen des Vaters als Jungen. So beginnt der Mythos von Iphis in Ovids Metamorphosen. Bereits diese ersten 8 Verse enthalten genügend Gesprächsstoff für den Profilkurs Latein im E-Jahrgang:

  • Wieso will der Vater kein Mädchen? – Laut Ovid: Zu teuer! Die Mitgift etc. übersteigt die Mittel der Familie. Feminizid ist in der Antike tatsächlich ein probates Mittel bei der Familienplanung (ähnlich wie heute noch in einigen Ländern der Welt praktiziert …)
  • Fällt die Täuschung nicht auf? – Nein, Iphis ist der androgyne Typ und gilt als Junge wie als Mädchen schön.

Alles in Ordnung also, bis sich Iphis tatsächlich in die junge Frau verliebt, die der Vater als Braut für seinen „Sohn“ ausgewählt hat. In einem inneren Monolog bekennt sie, sich als Frau zu fühlen und als Frau eine Frau zu lieben, und verzweifelt an diesem unnatürlichen Begehren: „[…] natura vetat! – Die Natur verbietet es.“

Ovid bietet nun eine Lösung für das „Problem“ an: Iphis wird nach einem Gebet im Tempel kurzerhand einfach in einen Mann verwandelt und die Hochzeit kann wie geplant stattfinden – Ende gut, alles gut. Aber ist das wirklich ein Happy End? Die Schüler:innen des Profilkurses diskutierten diese Frage in einem Blog auf ILIAS; hier einige Auszüge:

Es ist kein Happy End, da die Ehe von zwei Frauen nicht akzeptiert worden ist. Den Fakt, dass Iphis sich von den Göttern von einem Mädchen zu einem Jungen verwandeln lassen muss, damit sie nicht dasselbe Geschlecht liebt, finde ich absolut nicht in Ordnung.“

Aus damaliger Sicht erlebt Iphis ein klassisches Happy End. Im Finale erhält der Held der Geschichte das, was er immer wollte. […]  Aus heutiger Perspektive sieht das Ganze schon etwas anders aus. Iphis’ Problem ist die Vorstellung, dass die Natur gegen sie sei. Dies ist, wie man heute weiß, nicht wahr, da Homosexualität in der Natur überall vorkommt.“

Möglicherweise überwiegt zwar zunächst die Freude über die stattfindende Hochzeit, die nun problemlos über die Bühne gehen kann – aber ist es das wert, wenn Iphis sich sein ganzes restliches Leben nicht wohl fühlt als die Person, die er bzw. sie mehr oder weniger unfreiwillig geworden ist?

Iphis musste sich also verändern, damit sie von der Gesellschaft toleriert wird und auch damit die Liebe gesellschaftlich toleriert wird. In der antiken Vorstellung war diese Geschichte sicher ein Happy End, da die Götter eingegriffen haben, damit die Liebe endlich auch eine Hochzeit zur Folge haben konnte.“

Iphis nimmt sich die ganze Geschichte über als Frau war – und wird nun plötzlich in den Körper eines Mannes gesteckt. Dies widerspricht aber eigentlich ihrer Natur als Frau.“

Interessant ist jedoch, dass Iphis auch nach der Verwandlung immer noch im Femininum von Ovid angesprochen wird. […] Aus unserer aufgeklärten westeuropäischen Sicht wohnt der Geschichte eine Tragik inne, die man zuerst kaum vermuten mag.“

viv@t-Redaktion