logo

#stayhome – Baumarktbesuch

02.04.20: Welcher Wochentag war heute überhaupt? Dienstag, Donnerstag, vielleicht schon Samstag? Aber im Prinzip machte es auch keinen Unterschied.

Aber dieser Tag würde eine Abwechslung bieten, die in diesen Zeiten geradezu sensationell ist: der Baumarkt. Neuer Lieblingsort von Millionen Deutschen. Morgens im Radio erzählten sie, dass Niedersachsen die Baumärkte wieder öffnen würden, weil die Bewohner teilweise hundert Kilometer weit in die Nachbarbundesländer gefahren sind, um Baumärkte zu besuchen. Da das nicht wirklich im Sinne der Sache war, öffnete Niedersachsen die eigenen Tore zu den Bau- und Gartenmärkten wieder.

Der Baumarkt bietet aber auch viele Reize: Bohrer, Farbrollen, Milliarden von Schrauben, Nägeln und Muttern, Holz in all seinen Facetten.

Endlich war es Zeit, den Weg zum Sehnsuchtsort anzutreten. Man traf mal mehr, mal weniger vorsichtige Leute, aber niemand wirkte wirklich glücklich, in der Stadt unterwegs zu sein. Doch dann, Parkplatz vor dem Baumarkt, so voll, wie in seinen besten Tagen nicht. Von Smart bis SUV war jeder Autotyp vertreten. Die Schiebetüren des Baumarktes öffneten sich, Regalreihen lächelten einen an. Der Weg durch den Baumarkt ähnelte mittlerweile dem einer Ralley-Strecke: Pfeile auf dem Boden, jegliche Durchgänge, die zum Abkommen vom Kurs einladen würden, waren zugestellt mit Regalen, Grillkohle oder sonstigen unverschiebbaren Gegenständen. Beim Durchqueren des Eingangsbereichs waren die zwei Meter Abstand angenehm einfach einzuhalten.

Auf dem Weg zum Regal der Wünsche traf man dann die verschiedensten Menschen: Alte, Junge, Kernfamilien, Handwerker. Ein paar trugen Mundschutz, einige waren auch so euphorisch über ihre neue Farbrolle, dass sie alle Abstandsregeln vergaßen. Als das Regal erreicht war, nach welchem man Ausschau gehalten hatte, offenbarte sich ein Problem: Zwischen zwei Regalreihen waren vielleicht gerade so zwei Meter Abstand. Aneinander vorbeizukommen, ohne eine mögliche Ansteckung zu riskieren, würde also schwierig werden. Jetzt galt es abzuwägen: Warten, oder Augen zu und durch. Die Schrauben waren dann doch zu verlockend, und schnell ging es an dem Fremden vorbei. Endlich konnte man sich vertiefen in die kleinen metallenen  Dinger, die einem so viel Freude bereiten würden. Nach intensiver Inspektion ging es weiter zum Holz. Auf dem Weg dorthin war es ein, zwei Mal nötig, sein Interesse alibimäßig auf ein anderes Regal zu lenken, damit eine andere Personen passieren konnte, ohne dass es zu unnötiger Nähe kommen würde, oder man vermitteln würde, sich übermäßig viele Sorgen zu machen.

Holzregale waren nun ohne weitere Vorkommnisse erreicht und überhaupt war niemand anderes dort. Malerarbeiten schienen als Zeitvertreib beliebter zu sein als Tischlern. Umso mehr Zeit, jedes einzelne Holz zweimal umzudrehen und die perfekten Stücke auszusuchen. Gesagt, getan. Nun galt es, noch eine Sache zu finden. Es war der Punkt gekommen, an dem der Kontakt zu einem Mitarbeiter gesucht werden musste. Genug waren da. Die Frage nach dem Gesuchten fand noch mit nötiger Distanz statt, doch als es dann ans Suchen ging, war das einfach nicht mehr möglich. Man musste sich auch über die Produkte austauschen und sie angucken und das geht schlecht, wenn man nicht nebeneinander, zusammen auf den Artikel guckt. Aber eine Holzpolitur muss auch gewissenhaft ausgesucht werden.

Als man alles beisammen hatte, konnte man, nach einem Abstecher zu den Sägen, zur Kasse gehen. Die Mitarbeiterin, die hinter der 2cm dicken  Plexiglasscheibe saß und mit ihren Handschuhen einen nach dem anderen abkassierte, wirkte im Vergleich zu den Einkaufenden geradezu deprimiert. Wahrscheinlich ist es ein Unterschied, ob man zwei Eimer Farbe kauft oder täglich dasselbe 200 mal verkaufen muss. Nach einer viel zu langen Zeit im Baumarkt trat man wieder nach draußen und der Himmel wirkte blauer und die Menschen fröhlicher und der Gang nach Hause war wie Ferien.

War der Baumarkt eine Art Verjüngungskur?