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Interview mit Frau Feller

Das Interview mit Frau Feller haben wir per Videotelefonat noch vor den Lockerungen der Corona-Maßnahmen geführt, weshalb auch das Bild unter dem Kirschbaum fehlt.

Trotz allem hatten wir ein sehr interessantes Interview und wünschen viel Spaß beim Lesen!

 

Seit wann sind Sie als Lehrerin tätig und wann sind Sie ans Katharineum gekommen?

Mein erstes Dienstjahr war 1985 und am Katharineum bin ich seit 2008. Das ist jetzt das 12. Dienstjahr hier.

Wollten Sie schon immer Lehrerin werden?

Nein, aber als ich dann Abitur hatte, war es eigentlich relativ schnell klar, dass ich Lehrerin werde. Vorher hatte ich noch ganz viele andere verrückte Tätigkeitsberufe, Ausbildungsberufe sagt man ja heute, im Kopf.

Was fasziniert Sie an Ihren Fächer (Mathematik, Physik und Informatik) am meisten?

Die Rationalität, also es sind halt Naturwissenschaften. Als junges Mädchen fand ich das viel überschaubarer als die Gesellschaftswissenschaften, wo man so viel Deutungsspielraum hat, und das liebe ich an den Naturwissenschaften, dass das da klar geregelt ist.

Letztes Jahr haben Sie dann ja ein Sabbatjahr gemacht. Haben Sie das lange vorher geplant oder hat sich das eher spontan ergeben?

Also, wie gesagt, wir sind ja 2008 nach Lübeck gekommen und ich war da schon ziemlich erwachsen, als ich in Lübeck anfing, Lehrerin zu sein. Das war eine sehr schöne Zeit, in Lübeck noch einmal ganz etwas Neues auszuprobieren, weil es am Katharineum eben auch eine andere Atmosphäre ist als an meiner alten Schule – anders, nicht besser oder nicht schlechter, anders – und dann haben wir uns nach einer, ich sage es ruhig, nach einer kleinen Lebenskrise 2012 dazu entschlossen, dieses Sabbatjahr anzusparen. Das dauert ja auch ziemlich lange, ehe man dieses Jahr Freistellung dann zusammen hat. Als ich mich entschieden habe, das Sabbatjahr anzusparen, war mir gar nicht klar, was ein Sabbatjahr bedeute. Ich habe einfach gesagt: Ja klar, machen wir das mal und dann schauen wir.

Womit haben Sie sich während des Jahres beschäftigt?

Also wir haben das Jahr wirklich zum Reisen und „die Welt Kennenlernen“ genutzt. Wir haben vor allen Dingen Urlaube gemacht, die man als Lehrer schlecht machen kann, weil man zu der Zeit keinen Urlaub hat. Wir haben also eine Polarlichterreise im November gemacht. Für Polarlichter ist November zwar nicht unbedingt der ideale Zeitraum, aber da haben wir gesagt, das machen wir trotzdem und im November verreist eigentlich kein Lehrer. Dann waren wir im Januar in Melbourne bei den Australian Open, weil wir beide ein bisschen „sporteventverrückt“ sind und uns gerne wirklich Sportevents anschauen. Kein Lehrer kann im Januar nach Melbourne. Das sind also solche Sachen, da haben wir ganz bewusst versucht, das wirklich so zu organisieren, dass wir uns viele Wünsche erfüllen können, die in den Ferien nicht zu erfüllen sind.

Welcher war Ihr Lieblingsort von allen besuchten Ländern?

Das ist ganz, ganz, ganz, ganz eindeutig: Neuseeland. Wenn ich als junger Mensch in Neuseeland gewesen wäre und diese Art des Urlaubs dort in Neuseeland gemacht hätte, hätte mir Neuseeland gefährlich werden können, um auszuwandern. Ich kann gar nicht sagen, wo ich anfange und wo ich aufhöre, wenn ich über Neuseeland schwärme.

Welches Land hätten Sie vielleicht noch gerne besucht?

Wir sind ja auch mit unserem VW-Bus sehr viel in Europa unterwegs gewesen und eigentlich hatten wir noch die Atlantikküste von Frankreich geplant, also dass man im Prinzip über die Niederlande nach Frankreich fährt und dann an der Atlantikküste dort unterwegs ist. Aber das haben wir dann gestrichen, weil das zeitlich nicht zu machen war und wir gesagt haben, das kann man auch im Sommer machen, also wenn man Ferien hat. (überlegt) Nein, ich kann kein Land sagen, weil wir so viele verschiedene Sachen gesehen und erlebt haben und es wäre nur etwas ganz Neues und das kann ich nicht sagen, weil ich das nicht kenne, so weiß ich nicht, ob ich es vermisse.

Was war Ihr Lieblingsereignis oder ist Ihre Lieblingserinnerung aus dem Jahr?

Die absolute Freiheit. Wie gesagt, wir waren sehr viel mit dem Campingbus unterwegs, also in Neuseeland natürlich mit einem Gemieteten, auf unseren verschiedenen Europatouren mit unserem eigenen Campingbus, und dieses wirklich vor dem Bus Sitzen und nichts tun und von nichts gejagt werden, auch im Kopf nicht gejagt werden: Du müsstest aber noch …, du müsstest aber noch …, du müsstest aber noch …; sondern wirklich dieses „entspannt Sein“ und diese Einfachheit, die man auf den 6qm in so einem Bus dann zur Verfügung hat; die reicht. Das ist meine schönste Erinnerung. 

Würden Sie ein solches Jahr oder generell das Reisen weiterempfehlen?

Also das Reisen auf jeden Fall, weil man – mir geht es jedenfalls so – globale Zusammenhänge erst richtig erkennt, wenn man wirklich diese Entfernung, diese anderen Länder, diese anderen Menschen kennengelernt hat. Ganz oft haben wir auch Situationen erlebt, die wir mit großem Respekt beobachtet haben, die an andere fremde Orte gehören, aber wenn das bei uns passieren würde, wäre es befremdlich. Das war zum Beispiel als wir in Marrakesch unterwegs waren. Da gab es so eine Situation, wo eine Menge junger Männer durch diese Souks zog und laut sprach und klatschte. Das war für den Ort da ja normal, da hat keiner Notiz von genommen, aber für uns war das halt ein bisschen befremdlich, weil das nicht etwas ist, was wir nachvollziehen können. Ich finde das mit dem Weiterempfehlen immer sehr, sehr schwierig. Es gibt nur wenige Menschen, wo ich sage: Ja, denen würde ich das genauso weiterempfehlen. Also wenn man zum Beispiel mit einem Camper in Neuseeland unterwegs ist, dann muss man schon die Einfachheit mögen, man muss also campen können. Wer jeden Tag rund um die Uhr eine heiße Dusche braucht, weil das eben zu seinem Wohlfühlen gehört, also das ist jetzt nicht böse gemeint, dem wird das schwerer fallen. Deswegen ist es extrem schwierig, das zu empfehlen, aber reisen, ja, reisen würde ich empfehlen. Ich möchte aber auch sagen, dass ich jetzt in der Coronazeit extrem dankbar bin, dass ich das Fernreisen hinter mir habe, weil ich weiß, dass ich meine Fernflugreisen nur noch ganz gezielt einsetzen werde. Ich behaupte nicht, dass ich in Zukunft nicht mehr reisen beziehungsweise nicht mehr fliegen werde, das behaupte ich nicht, aber ich werde wirklich gezielt hingucken, wann will ich wirklich ein Reiseziel ansteuern, zu dem ich fliegen muss.

Das war schon die perfekte Überleitung zur nächsten Frage! Jetzt ist dieses Jahr ja ein deutlicher Kontrast zu Ihrem Letzten. Wie kommen Sie denn mit der aktuellen Situation zurecht?

Ich bin so, so dankbar. Ich habe das Sabbatjahr gehabt: Manchmal erinnere ich mich daran: O Gott, wo war ich jetzt eigentlich vor einem Jahr. Hätte ich da überhaupt hin gekonnt? Wäre ich von da nach Hause gekommen? Hätte man mich ausfliegen müssen? Also das überlege ich manchmal, das schiebe ich aber ganz schnell weg, weil einfach keine Zeit ist für „hätte, wenn und aber“. Ich bin sehr dankbar, dass das jetzt alles so ist, wie es jetzt ist, also dass ich wieder hier bin, dass ich versuche, meine Arbeitskraft, meine Ideen, meine Arbeit, die ich leisten kann, auch zu leisten. Ich fühle mich aber manchmal verloren, wenn es darum geht, wirklich systemrelevante Solidarität zu üben.

Was genau meinen Sie mit systemrelevanter Solidarität?

Naja, systemrelevante Solidarität, damit meine ich eigentlich nicht einfach nur Solidarität, zum Beispiel mit meiner Mutter, der ich helfe, sondern dass ich eben wirklich darüber nachdenke, bei meinem nächsten Friseurbesuch den doppelten Preis zu bezahlen, weil ich ja einmal Friseur ausgelassen habe; dass ich Hochachtung vor meinem Sohn habe, der sein Festivalticket voll gespendet hat, obwohl der auch nicht so viel Geld hat. Also ich weiß nicht, ob das schon systemrelevant ist, diese Solidarität mit Menschen zu haben, denen es sehr viel schlechter geht, die nach Corona zu den Verlierern gehören werden oder sehr, sehr hart kämpfen müssen, nicht zu den Verlierern zu gehören. Das macht mich ein bisschen ungeduldig und nachdenklich.

Haben Sie aus der Coronazeit etwas gelernt bzw. Nehmen Sie etwas daraus mit?

Mitnehmen werde ich auf alle Fälle, dass eine Krise noch einmal eine besondere Herausforderung an jede Persönlichkeit stellt. Es ist wirklich so, dass man manchmal über sich selbst erschrocken ist, weil man in einer Krisensituation anders handelt, als man sonst handeln würde. Dieses „Ich kann mir vorstellen, wie es dir geht“, diesen Satz, den mag ich eh nicht, weil es immer alles individuell ist, und das finde ich gerade sehr, sehr anstrengend. Es geht mir nochmal sehr unter die Haut, dass also jeder seinen eigenen Blick hat.

Worauf freuen Sie sich am meisten wenn die Welt wieder zur Normalität zurückkehren wird?

Auf meine Enkelin. Also mein Sohn ist sehr streng, was die Kontaktbegrenzung angeht. Wir haben natürlich digitalen Kontakt, das ist klar, aber so diesen persönlichen Kontakt, weil wir nicht in einem Haushalt leben. Damit muss ich umgehen, es ist seine Tochter und es ist auch seine Verantwortung, die er da wahrnimmt, und das fällt mir sehr schwer; auf sie freue ich mich.

Möchten Sie Ihren Schülerinnen und Schülern zum Abschluss noch etwas mit auf den Weg geben?

Ich freue mich auf euch! Das ist auch wirklich etwas, was ich gelernt habe, wie sehr ich meinen Beruf liebe. Manchmal habe ich ja auch so gesagt: Oh, ich wäre gerne Schulmanagerin geworden, also alles zu managen, was in der Schule so anliegt, aber in diesen Zeiten merke ich ganz deutlich: Ne, ne, ich bin sehr gerne an der Tafel (lacht).

Vielen Dank für das Interview!

Redaktion des Website-Teams