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Der Stein der Weisen – Sitzen wir auf einem Schatz?

Der Stein der Weisen, eine alte Legende – sagenumwogener Schwindel sagen die einen, die Exzentrik und Größe der Wissenschaft sagen die anderen. Geschaffen, um Metall in Gold und Diamanten zu verwandeln, die Zeit und die Schöpfung zu kontrollieren und damit Unsterblichkeit zu erlangen. Seit Hunderten von Jahren halten sich die phantastischsten Erzählungen um dieses besondere Elixir aufrecht. Steckt also vielleicht doch mehr dahinter, als nur die tatsächliche Erschaffung von Porzellan und künstlichem Eis?

Lapis philosophorum, allein der lateinische Name klingt schon besonders und nicht nur das, Quellen zur Folge soll er aus den Grundelementen Feuer, Wasser, Luft und Erde gemischt werden. Also jeher aus den Elementen, die Gott in der westlichen Mythologie verwandt, um die Welt zu formen. Im antiken Griechenland verjüngt die Zauberin Medea den alten Aeson mit einer Mixtur aus Kräutern, Steinen aus dem Osten, weißem, bei Mondlicht aufgelesenem Reif und allerhand tierischen Gebeinen.

Erste Berichte des Lehrers Ko Hungs aus dem alten China um 300 n. Chr. besagen sogar, dass ein besonders fanatischer Alchemist zwanzig Jahre lang Zinn zu sich nahm, in der Hoffnung Unsterblichkeit zu essen, davon aber lediglich so haarige Fußsohlen bekam, dass er weite Strecken zu Fuß gehen konnte.

Aber auch die Bezeichnung soll aus dem fernen Land stammen, denn ein 2000 Jahre alter Chinese namens Weiß-Stein (dt.) soll in der Nähe weißer Felsen gewohnt haben, die er regelmäßig zu seinem Essen einnahm und daraufhin eben so alt werden konnte.

Lange davor erkannten schon Ägypter Gold als heilig und wertvoll an. Nur Priestern war es gestattet, damals schon entdecktes Gold auszugraben und zu münzen – denn das Fleisch der Götter soll aus Gold und in der Lage gewesen sein, mächtig über Leben und Tod zu walten.

Später in Europa wird Adam aus dem Alten Testament nahezu eine Unsterblichkeit beweisen, da er immerhin 300 Jahre am Leben gewesen sein musste. Andere Geschichten ranken sich um die wohlbekannten Nicolas und Perrenelle Flamel, die im 14. Jahrhundert bereits das Geheimnis gelüftet und steinalt 😉  geworden sein sollen.

Nun die Sensation: Eben dieser Stein der Weisen, dieses Elixir soll nirgendwo anders als hier bei uns im Katharineum verbaut worden sein.

Eines der größten Mysterien der Menschheit zum Greifen nah? Lehnt man in der einen oder anderen Frühstückspause vielleicht an der einen Wand, hinter dem der Stein der Weisen verborgen ist? Oder bekritzelte man möglicherweise schon ein mal ein fast unermessliches wissenschaftliches Erbe?

Die Schriftquellen hierzu sind mäßig, aus der Überlieferung Ernst Deeckes, eines angesehenen Historikers und Lehrers des Katharineums aus dem 19. Jahrhundert, geht allerdings eine Beschreibung hervor. Entnommen ist wiederum sein Wort aus einem Band für die Vierhundertjahrfeier des Katharineums zu Lübeck von Dr. R. Schmidt.

Die Inschrift der Werkleute (Handwerker) nämlich, die sich in der Kirche befinden soll, gibt Aufschluss. Diese besagt, der Stein sitze höher als wir wohl kritzeln könnten: “an der Stelle in dem Pfeiler stecke [er], wo der Jude sitzt und das Gewölbe trägt”. Ein möglicher Schlüsselstein eines Spitzbogens also? Ein kleiner erster Hinweis? Mit “Jude” sei hier wohl Judas aus der Bibel gemeint, eben der, der Jesus und damit also den Glauben für Geld verraten haben soll.

Für einen solch wichtigen Stein spricht weiter, dass “die ganze Kirche erzittern muß, wenn ein grober Werkmeister einmal an diesem wunden Punkte nachgräbt”; dieser solle daraufhin sofort stoppen, wenn er nicht den ganzen Bau, also die Kirche, zerstören möchte.

So viel zum Standpunkt also. Leider ist uns die genaue Ortung nicht gelungen. Dies heißt ja aber nicht, dass im Rahmen der großen Veränderungen der Kirche nicht auch eine solche Tafel verdeckt oder sogar entfernt worden ist und von den Spitzbögen der Kirche könnten es im Prinzip alle sein. Zumal selbst jene nur eine Vermutung ist …

Denn so alt wie der Bau der Katharinenkirche, so alt muss auch die Inschrift und das mögliche Versteck des mysteriösen Steins sein.

Überhaupt in Lübeck angekommen, so geht aus dem Bericht hervor, sei der Stein erst mit dem Gründungsvater des Klosters: Bruder Emeke. Möglicherweise kam er in Begleitung italienischer Klosterbrüder, die die deutschen Franziskaner beim Bau unterstützten. Schmidts Meinung nach zeigt sich dies auch in der italienisch anmaßenden Backstein-Baukunst. Die Iatliener als Baumeister sind auf jeden Fall nicht an den Haaren herbeigezogen, dies zeigt sich an ihren überirdischen Kathedralbauten aus den Jahren und früher, die bis heute begeistern.

Und nun der Oberknaller, es kämen “von Zeit zu Zeit (…) Leute aus fernen Landen, namentlich Welche, und sehen an gewissen Zeichen, ob er sicher liegt.” Geheime Wächter also, die regelmäßig nach dem Schatz schauen? Ist der ein oder andere Tourist also gar nicht der, für den er sich ausgibt? …

Eine Abschrift des venedischen Alchemisten Erasmo Grundler aus dem Jahre 1607 immerhin bezeichnet deutsche Goldfundstätte. Die italienischen Wissenschaftler sind dem Alchemiewahn ähnlich verfallen wie andere Europäer. Die wissenschaftliche Betrachtung nimmt erst zwischen 1550 und 1650 im westlichen Raum unter Galilei, Newton und Descartes an Fahrt auf. Die Alchemie wird zur Chemie. Es werden Akademien und neue philosophische Strömungen geboren. Die Welt gilt hier als einziger Organismus, deren Geheimnis nur die Chemie als die Natur selbst entschlüsseln kann. Gott als Allwissender hat den Baustein für das Leben und diesen gilt es zu finden.

Doch mit dem Beginn der Renaissance verliert die experimentelle Chemie und damit einhergehend die Astrologie und die Mystik an Stellenwert. Jedoch der Gedanke an den heilenden Stein geht nicht vollends unter. Bis heute werden Steinen in der Homöopathie heilende Wirkungen zugeschrieben und auch die Herstellung spagirischer Heilmittel, also Heilmittel auf mineral-chemischer Basis, sind heute noch vertreten.

Und seien wir mal ehrlich, das Geheimnis scheint doch irgendwie immer noch nicht gelüftet zu sein, oder? Spätestens beim nächsten Katharinenkirchenbesuch erwarte ich den ein oder anderen Detektiv 😉

Ein großer Dank gilt Frau Saage zur Bereitstellung des Archivmaterials!

 

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