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Katharinenkirche – ihre lange, bewegte Geschichte

Es begab sich im Jahr 1225, als die Franziskaner aus Lübeck ein Grundstück geschenkt bekamen, und die Geschichte unserer Kirche begann. Spätestens bei unserer Einschulung auf das Katharineum sind wir alle das erste Mal durch die Pforten der Katharinenkirche getreten. Vor uns lag dann ein langer Weg, durch das Langhaus zum Altar, an dem unsere neuen Klassenlehrer*innen auf uns warteten.

Bei über einem halben Jahrtausend Geschichte lohnt es sich, genauer in die Kirche und auf ihre Wandlung im Laufe der Zeit zu schauen. Zu diesem Anlass haben wir uns mit einem alten Bekannten getroffen – Herrn Schmittinger! Er führte uns durch die Kirche und erzählte uns allerlei Geschichtliches, sowie die ein oder andere Anekdote und Sage. Von den Eindrücken des Rundgangs begeistert, können wir euch das Erfahrene nun weiter tragen.

Bevor wir uns in die Tiefen der kunsthistorischen Geschichte der Katharinenkirche begeben, ein kurzer geschichtlicher Abriss von den Anfängen im Mittelalter bis hinein in das 20. Jahrhundert: Als der Bau der Kirche begann, hatte sie gerade einmal die Größe des heutigen Chors (der Teil hinter dem Altar) und war wohl aus Holz. Im Jahr 1310 mussten die Arbeiten – wegen eines Streits mit dem Lübecker Bischof Burkhard von Serkem – unterbrochen werden. Dieser verhängte ein Interdikt, das Verbot gottesdienstlicher Handlungen, über die Katharinenkirche. Der Konflikt war daran entbrannt, dass die Franziskaner, sowie die Dominikaner des Burgklosters in einem Bündnis mit dem Bürgertum gegen das Bistum und Domkapitel standen. Erst mit dem Nachfolger Serkems, Heinrich II. Bochholt, konnte der Streit beigelegt und der Bau weitergeführt werden. 1356 sollte in Lübeck, genauer in der Katharinenkirche und den Klosterräumen, ein Provinzkapitel stattfinden: eine Versammlung Gesandter von ungefähr 10 Franziskaner-Klöstern aus der Ordensprovinz. Bis zu diesem Treffen mussten die Gebäude vollendet gewesen sein.

Das Katharinenkloster wurde dann im Jahr 1531 im Zuge der Reformation und der Kirchenordnung durch Johannes Bugenhagen zu einer Lateinschule. Neben Latein wurden die Fächer Altgriechisch, Religion, sowie Singen unterrichtet. Singen war ein wichtiger Bestandteil, da viele Schüler ihr Schulgeld durch Auftritte im Chor bei Gottesdiensten und Trauerfeiern aquirierten.

Knapp 300 Jahre später, als Napoleon Bonaparte sein Herrschaftsgebiet gen Osten ausweitete, standen die französischen Truppen 1806 auch vor den Mauern Lübecks und drangen über das Burgtor in die Stadt ein. Im Zuge der Säkularisation, der Verweltlichung von geistlichen Besitztümern, wurde die Katharinenkirche zum Lazarett und zum Pferdestall (nicht eindeutig belegbar) umgewandelt. Seitdem ist sie Eigentum der Hansestadt. Im 20. Jahrhundert wurde die entweihte Kirche als Raum für Ausstellungen, Messen oder Konzerte genutzt. Künstler wie Käthe Kollwitz oder Max Liebermann wurden ausgestellt. Eine große Skulptur Käthe Kollwitz’ kann man heute noch in der Kirche sehen. Lange gab es den Plan, das Gebäude zu einer Museumskirche umzuwandeln.

Doch dann kam der Zweite Weltkrieg, der – mit all seinen unbeschreiblichen Grausamkeiten – auch die weitreichende Zerstörung der Lübecker Innenstadt, am Palmsonntag des Jahres 1942, nach sich zog. Der Bombenangriff zerstörte unter anderem die Marienkirche und so fanden wieder Gottesdienste in der verschont gebliebenen Katharinenkirche statt. In einer Seitenkapelle des Unterchors hält noch heute die Russisch-Orthodoxe Kirche ihre Gottesdienste ab. Die Kapelle, die sie nutzen, wurde mit einer Wand vom Rest der Kirche abgetrennt und ein eigener Zugang, vom Turnhof aus, wurde geschaffen.

In den 1960er Jahren wurden die direkten Verbindungen zwischen Schule und Kirche, von denen es einige gibt, wieder hergestellt. Früher konnten die Mönche von ihrem Dormitorium (Schlafsaal), dem heutigen Scharbausaal, direkt in den Hochchor zum Nacht- und Morgengebet gehen. Auch der Zugang über den Kreuzgang, den wir heute regelmäßig benutzen, wurde im Zuge dieser Maßnahmen wieder benutzbar.

Wie eingangs schon anklang, stand die Kirche nicht von Anfang an so da, wie wir sie kennen. Der ursprüngliche Bau war wesentlich kleiner und wurde nach und nach erweitert. Um 1300 wurde das Querschiff, das man vom Klostergarten aus gut sieht, in der für Norddeutschland typischen Backsteingotik erbaut und angeschlossen. Vor dem Provinzkapitel 1356 (s. o.) wurde der Bau der Kirche mit dem Langhaus und den Seitenschiffen abgeschlossen. Von da an konnte man von einer Hallenkirche sprechen (Langhaus und seine Schiffe sind von nahezu gleicher Höhe und unter einem Dach vereint). Mit diesem Bauschritt nahm die Kirche die Optik an, in der wir sie noch heute erblicken können.

An dieser Stelle ist es notwendig, einmal zu hinterfragen, woher eigentlich Bettelmönche das Geld für einen derartigen Kirchenbau hatten. Da die Katharinenkirche keine reine Stiftskirche, sprich, nicht erbaut durch das Geld nur einzelner Förderer, sondern eine Klosterkirche war, musste das Geld anders zusammengetragen werden. Bruderschaften spendeten natürlich für die Ausgestaltung der Kapellen. Die Mönche konnten für Beerdigungen auf dem Gottesacker (Friedhof), Messen und das Erteilen von Sakramenten Geld verlangen. Vor allem Beerdigungen waren lukrativ, weshalb sie durchaus, wenn man das so sagen möchte, „begehrt“ waren.

Dazu eine kleine Geschichte, die sich vor mehr als 700 Jahren ereignete: Einst sollte in der Katharinenkirche eine Bürgerin beerdigt werden, die dies so vor ihrem Tod verfügt hatte. Die Vikare ihrer Kirchengemeinde brachten sie aber stattdessen in die Marienkirche. Das ließen sich Angehörige und Freunde der Verstorbenen nicht gefallen und beschlossen, die Leiche in die Katharinenkirche zu entführen. Der Streit, der unter anderem Entlassung und Neueinsetzung von kirchlichen Würdenträgern nach sich zog, sprach sich bis nach Rom herum, wo schließlich St. Katharinen das Recht für das Begräbnis zugesprochen wurde.

Zurück zur kunsthistorischen Geschichte: Die Kapellen, die sich hinter dem Chor befinden, wurden später eingebaut. Eine reich ausgestattete Kapelle wurde der Zirkelgesellschaft (Vereinigung des Patriziats, der Oberschicht Lübecks) im Jahr 1458 im westlichen Teil des nördlichen Seitenschiffs errichtet. Auch findet man eine Familienkapelle des Segebodo Chrispin (Lübecker Bürgermeister 1301 bis 1323). Viele der Altäre, die in der Katharinenkirche standen, wurden in das St. Annen-Kloster gebracht und bilden mit andern Altären dort heute eine große Mittelalter-Ausstellung.

Ein ungewöhnlicher Teil des Baus und damit schwer zu datieren, ist der Unterchor, der hinter dem Altar liegt. Dieser erinnert eher an eine Krypta, und ist im Vergleich zum Rest der Kirche sehr dunkel und von wenig Licht durchflutet.

Die Empore, die man sieht, wenn man im Langhaus hoch blickt, ist im letzten Jahrhundert angefügt worden, sie passt sich nicht an das Erscheinungsbild des Innenraums der Kirche an und wirkt wie ein Fremdkörper.  Die vorhandene Orgel wurde in den 1940er Jahren eingebaut, erlaubt aber heute, dass überhaupt Orgelmusik ertönen kann. Auf dem Hochchor mit dem originalen mittelalterlichem Gestühl findet sich noch der originale Boden aus dem 14. Jahrhundert, der so schützenswert ist, dass man den Boden nicht mehr betreten darf, wie es früher das Kantorat getan hat, um von oben, mit Kerzen (!) in der Hand, herunter zu singen.

Typisch für die Franziskaner ist es, dass die Katharinenkirche keine Türme hat, da es sich wie erwähnt, um einen Bettelorden handelte, und Türme „unnötigen“ Prunk bedeutet hätten. Blickt man noch einmal auf den Grundriss der Katharinenkirche, macht man eine wundersame Feststellung. Während das Südschiff des Baus symmetrisch verläuft, nimmt das Nordschiff eine konische Form an, um sich dem Verlauf der Glockengießerstraße anzupassen. Diese Asymmetrie sollte möglichst von außen nicht auffallen, weshalb die Kirchentür so versetzt wurde, dass sie von außen betrachtet mittig sitzt, schaut man aber von Innen in Richtung der Tür, fällt auf, dass sie zu weit links sitzt. Bei genauem Hinschauen kann man die fehlende Symmetrie aber auch beim Blick von Außen feststellen. Während die Fassade der Südseite einen dreistufigen Giebel hat, hat die Fassade des Nordschiffes einen zweistufigen Giebel.

Bleiben wir bei der Frontseite der Kirche und betrachten die Westfassade. Wer dort schon einmal hochgeblickt hat, wird festgestellt haben, dass in zehn Nischen oberhalb des Eingangs Figuren stehen. Im Jahr 1929 begannen die Planungen für ein Figuren-Ensemble, das die 16 Nischen füllen sollte. Der Künstler Ernst Barlach wurde angefragt und begann mit der Umsetzung. Bis zum Jahr 1933 wurden allerdings nur drei Figuren fertiggestellt: „Bettler“, „Frau im Wind“ und „Singender Klosterschüler“. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten galt Barlachs Kunst als entartet. Um die Auslieferung der Skulpturen nach Berlin zu verhindern, versteckte der ehemalige Lübecker Museumsdirektor Carl Georg Heise die drei Werke als Privatbesitz. 1947 konnten die drei Figuren dann an ihrem vorgesehenen Ort aufgestellt werden. Allerdings fehlten weiterhin die 13 Skulpturen, die Barlach nicht mehr vollenden konnte, da er 1938 gestorben war. Der Künstler Gerhard Marcks ergänzte den Fries mit sechs Figuren („Christus als Schmerzensmann“, „Brandstifter“, „Jungfrau“, „Mutter und Kind“, „Kassandra“ und „Prophet“),  die er schon 1932 entworfen hatte. Am 18.02.1949, am Geburtstag des Künstlers, wurden die Figuren in ihren Nischen aufgestellt.

Wenden wir uns von außen wieder nach innen und werfen einen etwas detaillierteren Blick auf einige Fresken, Gemälde und Statuen in der Katharinenkirche:

Wendet man sich in Richtung des kleinen Ausgangs, der zum Kreuzgang führt, geht man automatisch unter der Treppe durch, die hinauf zum Hochchor führt. Wenn man dann einmal hinaufschaut, blickt man auf ein großes Fresko (um 1510), das verschiedene Geschichten über den Urvater der Franziskaner, Franz von Assisi, zeigt. Zwei Legenden treten dabei besonders hervor: Blickt man auf Franz von Assisi, stellt man fest, dass er die gleichen Wundmale hat, die auch Jesus Christus hatte. Durch die Stigmatisation (Übertragung der Wundmale) soll die Nähe des Dargestellten zu Christus verdeutlicht werden. Als zweites wurde Franz von Assisis Naturverständnis versinnbildlicht. Heute würde man sagen, er war ein ökologisch denkender Mensch, denn er sprach davon, dass die Menschen in Einheit mit der Natur leben müssten und sie nicht ausbeuten dürften. Auch seine Nähe zur Tierwelt ist auf dem Fresko zu sehen, denn er predigt auch für die Tiere. Diese vergessen über seine Andacht, sich gegenseitig zu töten. Man erkennt so, dass der Löwe unberührt neben Rehen und anderen Wildtieren sitzt und an den Lippen Franz von Assisis hängt.

Betritt man die Kirche, erblickt man linker Hand eine gewaltige Statue, die den heiligen Georg mit Drachen und nebenstehender Prinzessin darstellt. Sie war ein Geschenk der anderen Hansestädte an Lübeck zum 750-jährigen Jubiläum der Stadt und ist ein Abguss einer Statue von Bernt Notke, die in der Nikolaikirche in Stockholm steht. Der heilige Georg ist als „Drachentöter“ in die Geschichte eingegangen. Der Drache, um den es hier geht, forderte von einer Stadt, ihm wöchentlich Opfer in Form von jungfräulichen Mädchen zu bringen. Irgendwann war dann die Königstochter selbst als nächstes Opfer ausgewählt worden – doch Georg kam, um sie zu retten. Er verletzte den Drachen schwer und ließ das nun zahme Tier von der Königstochter in die Stadt führen. Georg brachte das Volk dazu, sich taufen zu lassen, und erschlug daraufhin den Drachen. Die Statue steht vor allem für die Symbolik, dass das Böse überwunden werden kann.

Geht man von der Statue weg, an die Mauer zur Königsstraße, sieht man ein gewaltiges Gemälde in einiger Höhe hängen. Es ist eines der bedeutendsten, wenn nicht das bedeutendste Kunstwerk, dass man in der Katharinenkirche finden kann. Gemalt wurde es von Jacopo Tintoretto 1576. Dargestellt ist die Geschichte des Lazarus, aus dem Johannes-Evangelium. Demnach war eben dieser Lazarus ein guter Freund von Jesus, und als dieser von der Krankheit seines Freundes erfuhr, machte er sich auf, um ihn zu besuchen. Doch als er ankam, war Lazarus schon seit vier Tagen in einer Höhle beigesetzt. Jesus rief: „Lazarus, komm heraus!“ und sein Freund trat noch in Leichentücher gewickelt, aus seinem Grab.

Im Südschiff, nahe dem Gemälde, hängt das Grabdenkmal eines ehemaligen Rektors des Katharineums, Johann Heinrich von Seelen (1687-1762) . Dieser war studierter Philosoph, Theologe und Orientalist und weit über die Stadtgrenzen hinaus ein bedeutender Gelehrter seiner Zeit. Er veröffentlichte weit über hundert Schriften und publizierte die wissenschaftliche Zeitschrift „Bibliotheca Lubecensis“.  Übersetzt man die lateinischen Sätze, steht auf seiner Grabinschrift:

„Fromm verstorben in Lübeck im Jahr 1767 am 22. Oktober nach Ablauf von 49 Jahren des Schuldienstes – wenn du zwei Tage zuzählst – 75 Jahren des Lebens, 2 Monate, 13 Tagen. Wenn man deinen Namen erblickt hat, willst du nicht, dass großes Getöse gemacht wird. Der Mann hat großen Ruhm, soweit sich die Welt erstreckt“.

Man sieht, nicht nur Heiligen, ehemaligen Bürgermeistern oder Spendern wurde in der Katharinenkirche ein Ort der Erinnerung gegeben, sondern auch diesem Direktor, der sich auf intellektuellem Gebiet einen Namen gemacht hatte!

Das war ein kleiner Einblick in die beeindruckende Geschichte unserer Katharinenkirche. Beim nächsten Mal in der Kirche könnt ihr euch vorstellen, wie das Kantorat früher vom Hochchor und der Empore nach unten sang, oder ihr werft einen Blick auf das Tintoretto-Gemälde. Der schöne Anblick, der sich uns heute bietet, ist auch den Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten in den Jahren zwischen 2011 und 2015 zu verdanken, die vieles erst wieder sichtbar gemacht haben und die Kirche seit dem in neuem Glanz erstrahlen lassen.

Zum Ausklang eine kleine Anekdote von Herrn Schmittinger: Das Wort „Hokuspokus“ hat sehr wahrscheinlich kirchlichen Ursprung! Wenn der Priester früher beim Abendmahl die Oblaten hochhielt, sagte er „Hoc est corpus meus!“: Dies ist mein Leib! Der Großteil der Gemeinde beherrschte meist aber kein Latein und so verstanden sie: Hokuspokus. So entstand der Ausdruck, mit dem wir heute primär nichts Kirchliches verbinden.

Ein ganz großer Dank gilt Herrn Schmittinger, der sich für uns Zeit genommen und uns so anregend durch die Kirche geführt hat!

 

Redaktion des Website-Teams