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30 Jahre wiedervereinigtes Deutschland – Fachtag Geschichte der Q1c

 

Am Mittwoch, den 28. Oktober 2020, haben wir als Klasse Q1c einen Projekttag zum Jubiläum “30 Jahre wiedervereinigtes Deutschland” durchgeführt. Im Verlaufe des Tages besuchten wir vier verschiedene Ausstellungen zu diesem Thema.

Der Tag fing in der dritten Stunde im Katharineum an, wo wir die Wortwerkerin Frau HannaH Rau kennen lernten.  Nachdem sie, Frau Markmann und Herr Sievers uns in den Ablauf des Tages eingeführt hatten, ging es sogleich zu unserer ersten Station, dem Willy-Brandt-Haus.

Wir besuchten die Sonderausstellung „Frieden ohne Grenzen” mit wunderschönen Aufnahmen des italienischen Fotografen Valerio Vincenzo.  Diese zeigte an ausgewählten Orten ehemalige Grenzen aus der Zeit des Kalten Krieges. Vincenzo fotografierte innerhalb der Europäischen Union und des Schengen-Raumes idyllische Landschaften, die auf den ersten Blick nicht immer als Grenzen zu identifizieren waren. Diese Ausstellung besuchten wir nicht wie gewohnt mit einem klassischen Arbeitsauftrag – nein, wir hatte zuvor ein weißes Heftchen bekommen. Und dies war unsere Aufgabe! Ein bisschen ratlos waren wir schon. „Sollen wir hier jetzt irgendetwas reinschreiben oder zeichnen?“ fragten wir uns. Aber, was soll man machen mit einem leeren Heft, einem Stift und einer Fotoausstellung in einem Haus der politischen Bildung? Wir begannen also, ganz individuell, uns unsere Aufgabe selbst zu formulieren. Einige notierten sich Fragen oder schrieben nur Schlagworte in ihr Heft.

Anschließend gingen wir ins Katharineum zurück und verglichen unsere Eindrücke mit Werken des Kunstprofils (Q1d). Diese Klasse hatte eigene künstlerische Antworten auf die Ausstellung „Frieden ohne Grenzen“ erstellt.

Endlich gab es nun für uns die Auflösung zu dieser seltsamen Aufgabenstellung. Frau Rau erläuterte uns die Methode des Schreibens eines „Reisetagebuchs“. Wir würden also nicht wie herkömmlich, so viele Fakten wie möglich notieren, sondern nur das, was uns beeindruckt. Auch die Form, wie wir unsere Eindrücke notieren möchten, blieb uns überlassen. Das ist wirklich mal was ganz anderes! Ob das funktioniert?

Das Motiv eines Spaziergangs sollte uns durch unsere nächste Station in der Katharinenkirche leiten.  Hier hatten wir die Möglichkeit uns mit der Ausstellung „Grenzgeschichten“ zu befassen. Die Ausstellung beschäftigt sich mit der deutsch-deutschen Geschichte nach 1945 bis zur Wiedervereinigung. Schwerpunkt ist die Regionalgeschichte. Der Inhalt umfasst die Themen Kalter Krieg, Eiserner Vorhang und Freiheit. Die zentrale Frage „Was hat das mit mir zu tun?“, regte einige von uns zu ganz persönlichen und interessanten Texten an. Manche von uns schrieben ganze Geschichten, andere nur Wortfetzen – aber, irgendwie waren wir uns einig: Gott sei Dank, die innerdeutsche Grenze gibt es nicht mehr.

Unser letzter Weg des Tages führte uns in die Kunsthalle St. Annen. Hier besuchten wir die Ausstellung des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni mit dem Titel “Ostwind”. Er beschäftigte sich auf vielfältige Weise mit Themen wie Themen wie Migration, Freiheit, Demokratie und dem Potenzial einer offenen Gesellschaft. Unser Auftrag hier war, ein Werk heraus zu picken, um mit diesem in einen Dialog zu kommen. Dieser Dialog sollte dann wieder in unseren kleinen „Reisetagebuch“ erscheinen. „Einen Dialog mit einem Kunstwerk schreiben?“ „Wir, das Geschichtsprofil?“.  Der Dialog zwischen den Mitschülern funktionierte schon einmal sehr gut. Besonders als wir auf die Installation „Sachse auf der Flucht“ trafen.  Ausgestellt waren hier zwei vollgepackte Autodächer, auf denen Dinge, wie ein Surfbrett, Skier, ein Radio, ein bisschen persönlicher Kleinkram und ein voller Bierkasten zu finden waren. „Sind das die Dinge, die ich mitnehme, wenn ich fliehen muss? Zum Glück muss ich nicht fliehen. Für mich gibt es keine Grenzen, außer Corona momentan! Ups, das sollte ich ja in mein Heft schreiben.“

In dieser Ausstellung beeindruckten uns noch weitere Arbeiten Halbounis:  eine waren überschriebe Karten Europas mit einer scheinbaren Arabischen Invasion. Pfeile zeigten Angriffsrichtungen, Grenzen wurden verschoben, Gebiete übermalt! „Wo ist Deutschland? Wo Lübeck? – Das ist doch ein seltsames Gefühl. Ich würde gerne wissen, was dasteht. Leider kann ich kein Arabisch. Was wäre, wenn…?“

In einer weiteren Arbeit wurden nacheinander Nationalhymnen aus den Ländern abgespielt, die es nicht mehr gibt. Wir lauschten lange und versuchten zu erraten, welchem Land die Hymne wohl zuzuordnen sei. Dazu ein kleiner Schlagabtausch zwischen zwei Klassenkameraden: „Ich brauche keine Nationalhymne mehr!“, „Doch! Beim Sport! Was willst du denn dann hören, wenn du gewonnen hast?“ – spannend!

Abschließend trafen wir uns mit Frau Rau und unseren Lehrer*innen im Foyer der Kunsthalle. Nun sollten unsere Dialoge mit dem Werk vorgelesen werden! Das mit dem „Im Dialog mit einem Kunstwerk sein“, das war nicht so unser Ding. Ein Klassenkamerad las seine Aufzeichnungen zögerlich vor, er druckste rum, es seien nur Schlagwörter! Frau Rau fragte, ob sie diese Schlagwörter einmal der Klasse vorlesen darf. Durch ihre Art vorzulesen, gab sie jedem Wort eine Ernsthaftigkeit, die uns erstaunen lies. So war es ein Gedicht geworden. Ein Gedicht über die Empfindungen eines Schülers in der Ausstellung “Ostwind“.

Insgesamt war dieser Tag eine Reise durch vier Ausstellungen, die uns zu Themen, wie Sicherheit und Bedrohung, Freiheit und Gefangenschaft oder Nationalstolz und Heimatgefühl ins Gespräch kommen ließen. Aufgezeichnet wurde alles in unseren „Reisenotizen“.

 

Franziska Massalme, Q1c