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Projektwoche des Geschichtsprofils Ec zum Thema Grenzen überwinden

“Bewahrt den Frieden, die Freiheit und die Demokratie!”

Die Klasse Ec besuchte am 18. August in Vorbereitung auf das Projekt „Grenzen überwinden: 60 Jahre Mauerbau“ den Offenen Kanal Lübeck. Lisa Gerlach, FSJlerin beim Offenen Kanal, führte uns in die Erstellung von Podcasts ein. Sie erklärte uns, wie man Beiträge inhaltlich aufbaut, aufzeichnet und technisch bearbeitet. Die Klasse wurde zuerst mit verschiedenen Interviewtechniken vertraut gemacht, die wir dann auch gleich ausprobierten. Dafür wurden zum Thema passend zwei Zeitzeugen interviewt,  Frau Gerresheim, die im Westen Deutschlands geboren und zur Schule gegangen ist, und Herr Dr. Wagner, Leiter des Grenzmuseums Schlagsdorf, der im Osten Deutschlands aufwuchs. Anschließend wurden wir in technische Aspekte der Erstellung von Podcasts eingeführt, die wir wiederum an verschiedenen Beispielen praktisch ausprobieren durften. Gut gerüstet für unser Vorhaben, im Anschluss an die Projektwoche einen Podcast zu produzieren, fuhren wir schließlich nach Hause. Wir danken dem Offenen Kanal und Frau Gerlach für einen sehr lehrreichen und interessanten Workshop!

Emile aus der Ec

Vor einigen Tagen dann hatten wir als Ec das Glück, die geplante Projektwoche zum Thema „Grenzen überwinden“ machen zu dürfen. Unser Projekt war aufgrund von Corona in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erforschte anhand von Zeitungsartikeln Krise und Umbruch im August 1961. Die andere Gruppe fuhr an die ehemalige innerdeutsche Grenze, um Zeitzeugen des Mauerbaus zu befragen.

Montagmorgen trafen wir uns aufgrund des Bahnstreiks am Busbahnhof und fuhren mit Frau Gerresheim zur Begegnungsstätte am Goldensee in Groß Thurow. Unser Projektpartner zum Thema „Grenzen überwinden“ war die Werkstattschule in Rostock. Mit uns verbrachten zehn Rostocker Schüler:innen aus der elften und zwölften Klasse die Tage der Projektwoche. Zur Begrüßung spielten wir ein Kennenlernspiel, bei dem jede:r von uns von den anderen gezeichnet wurde. Zettel mit unseren Namen wurden herumgegeben und rundum fügte jede:r unter viel Gelächter ein weiteres Merkmal des Gesichts hinzu. Dann folgte eine inhaltliche Einführung in das Projekt, bei der wir uns mit dem Thema Grenzen vertraut machten. Nach dem Mittagsessen brachen wir zu einer ersten kleinen Wanderung im „Grünen Band“, dem ehemaligen Grenzstreifen, auf. Gemeinsam mit Herrn Dr. Andreas Wagner, dem Leiter des Grenzhus Schlagsdorf, der uns diese Woche unterstütze, erkundeten wir die Gegend um die Jugendherberge und gingen im Goldensee baden. Vor dem Abendessen folgte noch eine Power Point-Präsentation, die uns geschichtlich in die Jahre 1945-1990 einführte. Nach diesem gelungenen ersten Tag fielen wir abends in unsere Betten.

Der nächste Tag startete für mich und einige Freunde mit Frühbaden im See um 7:30 Uhr. Auf dem See lag noch Nebel und uns rüttelte das Bad schnell wach! Am Dienstag wurden uns die Lebensläufe der Zeitzeugen vorgestellt, die wir – Höhepunkt der Woche – am folgenden Tag zu Mauerbau und zum Leben in der DDR befragen wollten. Wir freuten uns alle darauf und waren gespannt, wie diese Interviews verlaufen würden. Nach der Entscheidung für einen Zeitzeugen entwickelten wir in gemischten Gruppen von drei bis vier Schüler:innen aus Lübeck und Rostock einen Frageleitfaden, mit dem wir am nächsten Tag in das Gespräch gingen. Nach zwei sehr produktiven Brainstorming-Stunden startete am Nachmittag eine weitere Wanderung. Bepackt mit Proviant, Wasser und Regenjacke (man weiß ja nie) liefen wir Herrn Wagner hinterher durch die Natur. Drei Stunden dauerte unser Ausflug ungefähr und unser Zwischenziel war Dechow. Dort machten wir eine Pause am Ferienhaus einer Mitschülerin, aßen Eis und tranken im idyllischen Garten Limonade. Auf die Zeitzeugengespräche des nächsten Tages waren wir alle gespannt und vorab auch etwas nervös.

Am Mittwoch bereiteten wir in unseren Gruppen alle Zimmer für unsere Gäste vor. Nach der Ankunft und Begrüßung der Zeitzeugen fingen die Interviews an. Meine Zeitzeugin war Hannelore Quandt (Jahrgang 1941), deren Familie Anfang der 50er Jahre enteignet und aus Zarnewenz zwangsumgesiedelt wurde. Im Frühjahr 1961 floh Frau Quandt aus der DDR in den Westen. Es war unglaublich interessant, ihr zuzuhören, wie sie über ihr Leben erzählte, da es viel einfacher ist, die DDR-Zeit zu verstehen, wenn man von einer Person, die diese Zeit wirklich miterlebt hat, eine individuelle Lebensgeschichte erfährt, hinter der Motive und Gefühle und nicht bloß Fakten stehen. Frau Quandt stellte auch uns Fragen und sprach nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch darüber, was wir aus Geschichten wie ihrer heute lernen können.

Weitere Zeitzeugen waren

– Uwe Rutkowski, ein ehemaliger Vokspolizist, der den Mauerbau in Berlin miterlebte, später in den Westen floh, als Fluchthelfer anderen Menschen half, in die BRD zu kommen, dabei erwischt und dann für viele Jahre in der DDR inhaftiert wurde.

– Jürgen Eggert, ein Pfarrer, der wegen kritischer Äußerungen in der DDR mehrfach inhaftiert wurde, Ausreiseanträge stellte, schließlich in den Westen gehen durfte, aber auch dort noch von der Stasi durch rufschädigende Gerüchte „zersetzt“ werden sollte.

– Siegfried Mitschard, der in der DDR aufwuchs, sich trotz Kritik am System entschied zu bleiben, und nach dem Fall der Mauer als erster ein Boot von Wismar über die Ostsee nach Neustadt in Holstein steuerte.

Nach diesem sehr intensiven Morgen spielten wir zusammen Volleyball und Tischtennis und gingen baden. Danach setzten wir uns im Essensraum zusammen und entwarfen in den Gruppen Plakate, die unser Interview für die anderen zusammenfassten. Um die vielen Eindrücke aus den Gesprächen zu bündeln, dachten wir uns eine Kernaussage zu der interviewten Person aus, anhand derer die anderen Schüler:innen die Lebensgeschichte und die Erfahrungen der Person besser verstehen konnten. In meiner Gruppe war es ein Zitat aus dem Gespräch mit Frau Quandt: „Bewahrt den Frieden, die Freiheit und die Demokratie!“

Der Donnerstag war in zwei Teile aufgeteilt. Morgens begannen wir mit dem Schreiben von Reflexionstexten, in denen wir die Zeitzeugengespräche ausführlich auswerten. Nach dem Mittagsessen fuhren wir zum Grenzhus Schlagsdorf und wanderten dort mit Wolfgang May, einem ehemaligen Polizisten des Bundesgrenzschutzes, der uns viel über die Geschichte der innerdeutschen Grenze berichten konnte. Es war eine Mischung aus Natur erleben und Geschichte lernen. In der Außenanlage des Museums erklärte er uns Teile der alten Grenzsperranlage, einen Beobachtungsturm, den Grenzzaun und unterschiedliche Hindernisse.

Am Freitag wachten wir alle traurig mit dem Wissen auf, dass sich unsere Klassenfahrt leider schon dem Ende näherte. Zum Abschluss lasen wir der ganzen Gruppe erste Auszüge aus unseren persönlichen Reflexionen vor. Dann packten wir, räumten die Zimmer auf, spielten eine letzte Runde Tischtennis und verabschiedeten uns von den Rostockern. Damit war eine tolle Woche voller spannender, neuer Erfahrungen vorbei, die uns nicht nur der Geschichte der innerdeutschen Grenzen nähergebracht hat, sondern auch uns als gerade neu zusammengewürfelte Klasse Zusammenhalt und ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen hat. Vielen Dank an Frau Gerresheim, Herrn Dr. Andreas Wagner, die Rostocker Schule und Frau Behrens, die dieses Projekt möglich gemacht haben!

Mavie aus der Ec

 

Die Lübecker Teilgruppe analysierte zur gleichen Zeit Zeitungsberichte aus den Monaten Juli und August 1961. Der Mauerbau wurde dabei aus verschiedenen Perspektiven und Fragestellungen untersucht, einige davon sehr aktuell. Es ging zum Beispiel um eskalierende Flüchtlingszahlen, den Umgang mit diesen „Grenzgängern“ und „Zonenflüchtlingen“ in Ost und West, um internationale Reaktionen aus Washington und Moskau, um den Bundestagswahlkampf im August 1961 oder die Frage, wie damals die Lübecker auf die Errichtung einer Grenze vor der eigenen Haustüre reagierten. Auch unsere Teilgruppe durfte am Donnerstag, begleitet von Frau Müschen, das Grenzhus in Schlagsdorf besuchen. Dort kam für diesen Vormittag Frau Gerresheim zu uns und wir  besichtigten gemeinsam die Ausstellung zur Geschichte der innerdeutschen Grenze im Norden. In fünf Themenräumen wird dort mit modernen Präsentationsformen erklärt und dargestellt, wie die Grenze und der Grenzstreifen damals aussahen und was sich zwischen Ostsee und Ratzeburger See während der Zeit der Teilung ereignete. Dazu wurden einige Geschichten von Menschen, die zu dieser Zeit lebten, gezeigt, sowie die Stellungnahmen vieler Menschen, die erzählten, was sie mit dem Wort Grenze verbinden. Abschließend gingen wir in das nahe gelegene Außengelände, in dem eine rekonstruierte Anlage mit Grenzsignal- und Sperrzäunen, Beobachtungszäunen und Grenzzäunen zu sehen waren. Direkt vor Ort erzählte uns Andreas Wagner, der Museumsleiter, einige Beispiele von Menschen, die damals versuchten, über solche Anlagen in den Westen zu flüchten. Nach einem lehrreichem Vormittag fuhren wir wieder zurück nach Lübeck.

 

Vielen Dank an Frau Müschen und Frau Gerresheim, dass Sie uns an diesem Tag begleitet haben. Und auch vielen Dank an Herrn Wagner für die lebendige und interessante Führung!

Merle aus der Ec