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Alt-Griechisch: 3000 Jahre alt, aber hochaktuell – Interview mit den Griechisch-Lehrer*innen Teil I

Hallo! Wir sind Stine und Elisabeth aus dem Q2-Griechisch-Kurs – und darüber hinaus auch im Website-Team aktiv. Aus gegebenem Anlass einer Schülerumfrage zu der Frage nach der Zukunft des Faches Griechisch an unserer Schule haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, über dieses – wie wir finden tolle und einzigartige Fach – einmal mit den entsprechenden Fachlehrer*innen in den Dialog zu treten. Wir wollen wissen, was das Fach so zu bieten hat und warum es sich für zukünftige Wähler*innen lohnt, Griechisch zu lernen. Und wer kann das besser erklären, als die, die es uns und vielleicht auch euch beibringen wollen? Also, in diesem Sinne: Lasst euch überzeugen, und viel Spaß mit dem Interview! (Und natürlich sind auch alle anderen Fächer eine Überlegung wert – wir jedoch sind sehr froh, uns für Griechisch entschieden zu haben. Aber lest selbst :))

Was bietet das Fach Griechisch?

SAA:

Griechisch bietet zum einen etwas, hier, am Katharineum, das andere Schüler*innen woanders überhaupt nicht bekommen können – also ein zusätzlicher Luxus. Es gibt insofern auch eine Erweiterung des sprachlichen Horizontes, als dass wir mit Griechisch eine von zwei Sprachen überhaupt haben, die seit ungefähr dreitausend Jahren gesprochen wird. Die andere Sprache ist das Chinesische. Darüber hinaus bietet Griechisch auch noch eine Vertiefung in unserem Wissen über die Antike, in Bereichen, die wir mit dem Lateinischen gar nicht erreichen können – wir gehen mit Griechisch, wenn man so will, beispielsweise mit der Homer-Lektüre, bis in die Bronzezeit. Und das ist natürlich eine ungeheure Zeitspanne, die man damit erfasst.

KAF:

Das wäre auch für mich ein zentraler Punkt: diese Ursprungserfahrung. Was mich für Griechisch begeistert hat, das war die Odyssee; dieses uralte Werk zu lesen, ja eigentlich das älteste größere Werk hier in unserem Kulturkreis, das schon so ausgefeilt und psychologisch sensibel mit dem Menschlichen umgeht. Das zu erfahren und zu spüren, das bietet Griechisch für mich. Diese Ursprungserfahrung, die schon einen Maßstab setzt für unsere Kultur, der sich bis nach Hollywood mit “Troja” heute fortsetzt. Also die Kontinuität auf der einen Seite, und durch den Abgleich mit der modernen Welt: zu sehen, was universell ist und sich über alle Zeiten hält, und uns auch als modernen Menschen heute ausmacht oder eben davon abgrenzt. Das, finde ich, bildet den Menschen und ist auch der Anspruch des Humanismus: sich selbst, auch in der Vergangenheit, zu erkennen.

GOE:

Und auch, wenn es “abgedroschen” klingt und schon hunderttausendmal gesagt worden ist: Die antike griechische Kultur ist der Ursprung dieser einzigartigen europäischen Entwicklung. Mit Zwischenräumen natürlich, das geht auch über die Renaissance und weiter, bis in die Gegenwart hinein. Die Entwicklung des kulturellen Europas wäre ohne die Griechen nicht möglich gewesen. Und wenn man es sich in Büchern anschaut; allein die literarischen Gattungen, die die Griechen erfunden haben. Das Epos von Homer, die Dramen, also Tragödie und Komödie, Dichtung, Lyrik, und vieles mehr; die Philosophie, bestimmte Bereiche der bildenden Kunst und der Baukunst stehen auch heute noch stellvertretend als Vorbild im Raum. Über die griechische Sprache erschließt man sich natürlich einen großen Teil dieser Dinge. Die Griechen sind in vielen Bereichen wirklich die ersten gewesen. Sie haben unglaubliche Leistungen in relativ kurzer, überschaubarer Zeit geschaffen.

SAA:

Wenn man jetzt noch einmal auf die Sprache als solche zurückkommt, dann muss man auch sagen, dass es natürlich Überschneidungen gibt mit dem Deutschen und dem Lateinischen, da es eine indoeuropäische Sprache ist; aber es gibt doch auch, was das Sprachverständnis angeht, einen gewissen Mehrwert dadurch, dass das lateinische und deutsche Sprachsystem der Zeiten tatsächlich noch “aufgebrochen” wird, nämlich durch den Aorist – eine Zeit aus dem Griechischen, die ich auch nur ungern als “Zeit” bezeichnen möchte, was diesen Tempus-Aspekt zu weit einengt. Man hat, zusätzlich zur Aktiv-Passiv-Dichtotymie aus dem Lateinischen oder Deutschen, auch die Form des “Medium”. Von daher wird im Griechischen unser Sprachbewusstsein um Einiges erweitert. Man könnte zwar sagen, alle diese literarischen Dinge könnte man auch durch Übersetzungen erleben – aber im Grunde ist es doch so, dass viele zum Beispiel Musik nicht nur passiv beim Hören (von hervorragenden Interpreten im Konzert oder eingespielt) erleben wollen, sondern selbst, und sei es noch so “stümperhaft”, diese klassischen musikalischen Werke nacherleben wollen. So ähnlich geht es uns, wenn wir, noch so “stümperhaft”, klassische Werke nachübersetzen wollen. Außenstehenden kommt das wohl unkreativ vor; umgekehrt aber, wenn ein/e Musiker*in ein Stück nach Noten spielt, spricht man eben schon von Kreativität. In diesem Moment wird das Werk, vielleicht auch für andere, neu produziert; zumindest für den/die Spieler*in selbst. Und so geht es mir, wenn ich einen Text übersetze. Wenn ich zum Beispiel Homer lese: Die Odyssee, die Herr Kaffka gerade nannte, lese ich gerade mit einer privaten Lektüregruppe (Corona-bedingt setzen wir momentan aber aus). Und auch durch diese langsame Lektüre erlebe ich das in einer Art und Weise, wie ich es beim viel schnelleren Lesen einer Übersetzung so nie könnte. Der Film “Troja” ist vielleicht nicht der “Goldstandard” der aktuellen Rezeption der Antike, aber gerade die Odyssee könnte man ohne Weiteres in drei Netflix-Serien verwandeln. Transponiert in die heutige Zeit ist das der Sohn, der loszieht und seinen Vater sucht, den er eigentlich nie kennengelernt hat. Der Kriegsheimkehrer Odysseus. Das sind alles Themen, die heute so aktuell sind wie eh und je. Und dort werden sie auf eine Art und Weise behandelt, die einen wirklich mitnimmt.

GOE:

Abgesehen davon wäre es ja auch ein Ziel, die griechische Kultur kennenzulernen; und dafür ist der Weg der Übersetzung natürlich etwas ganz Wichtiges. Mir ist das besonders in den letzten Jahren meiner langen Tätigkeit aufgefallen, dass ich nach einiger Zeit an bestimmten Stellen etwas anders übersetzt habe als vorher. Die Stelle selbst kenne ich schon, aber ich bemerke darin plötzlich etwas, das ich vorher nicht gesehen habe. Als Referendar hatte ich in Hamburg einen Anleiter, der genau das zu mir sagte, was ich heute selbst denke: Aus genannten Gründen wäre es viel sinnvoller, dass mehr Schüler*innen Griechisch lernen. Es ist sogar viel wichtiger als Latein, da es uns wirklich an diese Ursprünge führt. Natürlich ist das jetzt kein Plädoyer gegen Latein (lacht), aber eigentlich wäre eben Griechisch das Fach, das viel weiter verbreitet sein müsste.

Welche Unterrichtsthemen werden nur in diesem Fach behandelt?

SAA:

Das ist insofern schwer zu beantworten, als wir natürlich nie genau wissen, was in anderen Fächern behandelt wird. Wenn ich aber unser Lehrbuch “Kairos” anschaue, dann ist besonders im Anfangsunterricht die dysfunktionale Familie ein Schwerpunkt. Man lernt sie in der griechischen Mythologie kennen, es spielt beim lang ausgebreiteten “Fluch der Atriden” eine große Rolle. Die griechische Mythologie findet natürlich in diesem Umfang auch in keinem anderen Fach Erwähnung.

KAF:

Auch hier kann man sagen: Es ist in sämtlichen Bereichen einfach das Original. Im Lateinischen bekommt man es oft nur “vermittelt”, obwohl die Römer auch hier und da ihre eigenen Ideen hatten. Aber das Original, die Vorlage, den Ursprung sämtlicher Bereiche, wie Herr Goedecke sagte, finden wir in griechischen Texten. Für mich als Biologen ist das vor allem auch so in den Naturwissenschaften. Ich hatte ein Seminar über die Geschichte der Biologie – und auch dort kommt man nicht um Aristoteles herum; wie z.B. eben auch in der Politikwissenschaft oder in den Sozialwissenschaften.

GOE:

Die alten Philosophen haben ja im Grunde den Weg zu den Naturwissenschaften begonnen. Von dem, was wir heute Philosophie nennen, haben sie sich abgespalten, und so liegt der Ursprung bei den Philosophen. Außerdem, wie Frau Saage es ansprach, –  für die SchülerInnen bekannt aus der Herodot-Lektüre – geht es um das Eingebunden-Sein des Menschen in einen göttlichen oder religiösen Zusammenhang. Welche Rolle spielen eigentlich Göttliches und Schicksal? Diese Vorstellung ist oft ganz anders als die der Christen, das geht bereits bei Homer los, weiter mit Herodot, bis zu den Tragödien. Der Mensch ist dort in irgendeiner Weise in eine Schicksalsvorstellung eingebunden, was für uns oft fremd, aber deshalb auch interessant ist. So kann man Vergleiche herstellen oder sich davon abgrenzen.

SAA:

Wenn man Griechisch außerdem mit anderen sprachlichen Fächern vergleicht, wie zum Beispiel mit dem Deutschen, wo die Texte ja zum Großteil ihren Hintergrund in der christlichen Tradition haben, so hat man hier eben ein erfrischendes Gegenbild.

GOE:

Und um noch einmal auf dieses “Fremde” einzugehen: Die bekannte Geschichte von Kleobis und Biton vermittelt die Vorstellung, dass das größte Glück des möglicherweise sehr jungen Menschen sei, nach einer großartigen und ruhmreichen Handlung im religiösen und politischen Bereich der “Polis” zu sterben – das Leben an diesem Punkt zu beenden ist der größte Wunsch, den man haben kann. Unserer Vorstellung, dass Glück in einer langen Lebenserwartung besteht, entspricht das natürlich überhaupt nicht.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren und warum sind diese besonders?

KAF:

Wie ich schon angedeutet habe, ist für mich Homer derjenige, der mich wirklich gepackt und ein “Feuer entfacht” hat. Außerdem würde ich noch Sophokles’ “Antigone” hinzunehmen, die ja auch im Deutschunterricht häufig behandelt wird. Vor diesen Werken kann ich mich tatsächlich nur verneigen und staunen, dass in jeder Zeile so Vieles steckt.

GOE:

Bei Homer schließe ich mich an. Für die Tragödien nenne ich noch König Ödipus, oder auch die Medea, weil ich diese sprachliche Klarheit immer wieder erstaunlich finde, mit der unterschiedliche Positionen wiedergegeben werden. Wenn es um Streitgespräche geht, ist das für mich zum Beispiel immer sehr beeindruckend.

SAA:

Auch für mich ist es Homer. Lange Jahre mochte ich seine “Ilias” lieber, momentan aber tatsächlich auch die “Odyssee” – was natürlich Werke, und keine Autoren sind (lacht). Bei den Prosa-Autoren ist es Thukydides, den wir hier aber leider, wenn überhaupt, sehr kurz behandeln können. (Einschub GOE: “Sehr schwierige Lektüre.”) Ansonsten, ohne einen bestimmten Autor zu nennen, mag ich auch griechische Lyrik sehr gern.

Warum und mit welchen Erwartungen haben Sie begonnen, Griechisch zu lernen?

GOE:

Bei mir war es etwas ungewöhnlich; ich bin auf ein neusprachliches Gymnasium gegangen und habe Französisch als dritte Fremdsprache gelernt. Im Studium wollte ich aber irgendwie etwas Neues kennenlernen, und hatte eine gewisse Neigung zum Lateinischen. Dann habe ich mich tatsächlich entschlossen, Griechisch zu studieren, was natürlich ein Risiko war – und es auch geschafft. Es war vielleicht auch der Gedanke, vom Lateinischen in diese tiefere Ursprungswelt zu kommen, die bei den Römern ja immer auch im Hintergrund vorhanden ist. Das hat mich gereizt, diesen ungewöhnlichen Weg zu gehen.

KAF:

Ich habe im Lateinstudium das Graecum machen müssen – und dürfen. Darauf habe ich mich vorher schon gefreut, weil mich die Schrift besonders angesprochen hat. Ich mochte das als Kind schon immer gern, mir zum Beispiel Geheimschriften auszudenken, und auch die griechische Schrift fand ich einfach schön. Nachdem ich das Graecum absolviert hatte – im Studium wird man mit dem Fokus auf die Funktionalität ziemlich “durchgepeitscht” –, war mir das irgendwie nicht nachhaltig genug, und ich habe noch zwei Seminare gemacht: Antigone und die Odyssee. (lacht) Da hatte ich auch Glück, dass ich gleich auf zwei meiner Lieblingswerke gestoßen bin: Da ist das Feuer dann im Prinzip so richtig entflammt.

SAA:

Beim mir war es so, dass ich, als eines meiner ersten Bücher, von Walter Jens “Ilias und Odyssee” bekam – das ist ein großes Bilderbuch aus dem Ravensburger-Verlag (und steht hier in der Schülerbücherei). Die griechische Mythologie hat mich eben schon als Kind sehr angesprochen, und ich habe es viel gelesen. Das kam bei mir eben auch im Grundschulalter, da ich keine besonders christliche Erziehung erhalten habe (an dieser Stelle wunderte sich ein Kollege, ob Frau Saage womöglich schon früh mit den Opfergaben an Zeus begann). Es hat für mich ein bisschen gedauert, das auseinanderzuhalten, innerlich. Auch lag bei uns zu Hause eine alte griechische Kaegi-Grammatik herum, da meine Mutter eben auch das Graecum für ihr Studium hatte nachholen müssen – und da stieß ich eben auf diese Schrift. Für mich war es dann wirklich die Sprache, die ich als nächstes lernen wollte. In der fünften sollte ich dann aber erst einmal Latein lernen, was ich zähneknirschend auf mich genommen habe (lacht) – so bin ich aber natürlich auf ein altsprachliches Gymnasium gekommen, und war sehr froh und dankbar, als ich dann Griechisch machen durfte. Bei uns war es so, dass ich das auch als Leistungskurs machen musste; Griechisch oder Latein. Kurz vor dem Abi hatte ich dann aber irgendwann das Gefühl – anders, als bei den anderen Fächern, von denen ich irgendwann genug hatte – dass ich damit noch nicht durch war. Da dachte ich, ich muss es eben studieren, da müsste ja noch mehr kommen, hoffentlich. Und das war dann auch so, und das ist sehr gut so.

 

Fortsetzung folgt…

 

Redaktion des Website-Teams