Städtisches Gymnasium mit altsprachlichem Zweig | seit 1531

Halbzeitbilanz: Französische Spuren in Lübeck

Halbzeitbilanz: Französische Spuren in Lübeck

Unser Projekt im Wahlpflichtunterricht Französisch als Dritte Fremdsprache  fand in seinem Fachtag am 26. Januar einen passenden Abschluss: Unser Fachtag. Mit unseren vorbereiteten Forschungsaufträgen kamen wir im Stadtarchiv an, wo wir von Frau Dr. Kruse und Herrn Pöppel herzlich empfangen wurden. Wir lernten im Anschluss die Methoden der analogen und digitalen Archivrecherche anhand praktischer Beispiel kennen und konnten bei der Besichtigung der laufenden Regalkilometer (!!!) im wahrsten Sinne des Wortes erfassen, wieso eindeutige Bezeichnungen in Form von Signaturen und absolute Sorgfalt sowohl der Nutzenden wie auch der dort Tätigen Fachleute für das „ewige“ Funktionieren eines Archivs vonnöten sind.

Zahlreiche Urkunden der Stadt Lübeck, Abiturzeugnisse berühmter Katharineer*innen und Listen wie das seit 1811 auch in Lübeck bestehende Zivilstandsregister gemäß dem Code Napoléon wurden uns im Original gezeigt, u.a. die Geburtsurkunde eines gewissen Herbert Ernst Karl Frahm. Besonders beeindruckend waren der Reichsfreiheitsbrief von Friedrich II von 1226 (Hinweis: Sonderausstellung zum Jubiläum ab dem 17.5.2026 im Hansemuseum) und dem Barbarossa-Privileg von 1188, das die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Lübeck zu einem nordeuropäischen Handelszentrum gezielt vorantrieb. Auch wurde uns anhand einer Faksimile gezeigt, wieso das Lübecker Archiv Ziel vieler Reisender aus Schottland ist, liegt hier doch die einzige Urkunde, die das Wirken des schottischen „Freiheitshelden“ William Wallace („Braveheart“) dokumentiert.

Den täglich nach einer kurzen Anmeldung zugänglichen Lesesaal lernten wir als geeigneten Arbeitsort kennen, in dem wir in Stillarbeit mit den vom Archiv für uns eigens bereits im Vorfeld „gehobenen“, unseren jeweiligen thematischen Schwerpunkten entsprechenden Dokumenten zur Franzosenzeit arbeiteten. An dieser Stelle möchten wir dem Stadtarchiv und insbesondere Frau Dr. Kruse und Herrn Pöppel für Ihre Mühen und ihr Engagement danken!

 

Zuvor gab es bereits Besuche auf Grabungen in der Marienkirche, von Museen innerhalb und außerhalb der Altstadtinsel, von Denkmalen und Denkmälern mit Bezug zu unserem Thema im Stadtbild und im Stadtarchiv sowie ein sehr interessantes Treffen mit der oberen Denkmalschutzbehörde – Bereich Denkmalpflege und Archäologie der Stadt Lübeck in deren Fachbibliothek. Unser Fördermittelgeber unterstützte uns fachlich und in der Öffentlichkeitsarbeit. Auf der Fortbildung in Heilbad Heiligenstadt erfuhr Herr Naumann eine Menge relevantes Know-How für die weitere Umsetzung dieses spannenden „denkmal aktiv“-Projektes. Im Stadtarchiv bekamen wir neben einer praktischen Einführung in die wissenschaftliche Quellenarbeit Antworten auf unsere Forscherfragen, die wir bereits im Vorfeld vorbereitet hatten. Neben gedruckten Akten sichteten wir zahlreiche historische Handschriften u.a. in Courant, die wir zwar immer leichter lesen können. Dennoch helfen uns auch hier praktische Errungenschaften unserer heutigen Zeit wie das Programm Transkribus, das eine schnelle Transkription in ariale Schrift erlaubt.

 

Im Folgenden wird ein ein interviewhafter Überblick über das erste Halbjahr des Projektes gegeben. Viel Spaß beim Lesen!

Welche Erfahrungen machten die Jugendlichen bereits?

Die Lernenden erfuhren, dass Denkmäler mehr sind als Kirchen und Stadtbefestigungsanlagen, dass es sogar eine relevante Unterscheidung zwischen Denkmalen und Denkmälern gibt. Beide sind für das Thema der Franzosenzeit relevant, erfahrbar und es wert, im Rahmen unseres Projektes berücksichtigt zu werden. Besonders auffällig war, dass den Lernenden der Untergrund unter den eigenen Füßen völlig unbedeutend war und es ihnen durch die Besichtigung von zwei Grabungen bewusst wurde, wie vielschichtig die Vergangenheit im Boden steckt. Auch die Arbeit im Stadtarchiv, in der Fachbücherei des Amtes für Denkmalschutzes und die zahlreichen Museenbesuche erstaunten die Lernenden ob der zahlreichen Möglichkeiten von einer Freizeitgestaltung bis hin zur schulischen wissenschaftspropädeutischen Arbeit.

Welche Themenschwerpunkte gab es?

Als besonders interessant erwiesen sich persönliche Schicksale von Menschen aus der Franzosenzeit. Lernende, die sich nicht so recht für ein Denkmal entscheiden konnten, fanden ihren persönlichen Themenzugang über das in den Archiven und den Quellen erworbene Bewusstsein dafür, dass vielerorts persönliche Schicksale damals direkt Betroffener in einem erfahrbaren Zusammenhang mit dem Denkmal stehen. Hier geht es gar nicht um reine Sensationslust, sondern vielmehr um die Erkenntnis, dass Geschichte und Denkmäler mehr als trockene Daten sind. Neu aufgetaucht sind dadurch Themen wie Stadtrundgänge zu Denkmalen und Denkmälern, die durch einen gemeinsamen roten Faden miteinander verbunden sind.

Welche Unterrichtsinhalte, die sich am Lernort Denkmal in Hinblick auf städtebauliche Veränderungen besonders anschaulich vermitteln lassen, kamen vor?

In Grabungen lassen sich Geschichte, Technik und auch (Grabungs-)Sicherheit sehr gut erleben und erzeugen ein Bewusstsein für die hohe Interdisziplinarität des Lernortes Denkmal. Die Grabungen verdeutlichen die Siedlungsgeschichte und indizieren Fragen nach dem Warum: Warum etwas seit wann wo in welcher Form ist und wie sich Nutzungen auch ändern können.

Welche Anregungen gab es z.B. durch die Obere Denkmalschutzbehörde?

Durch die obere Denkmalschutzbehörde – Bereich Denkmalpflege und Archäologie der Stadt Lübeck bekamen wir zahlreiche Anregungen, weil wir eine sehr regelmäßige und intensive Zusammenarbeit haben. Hauptanregungen waren die Einbeziehung von entsprechenden Fachbibliotheken und Archiven. Auch zum Stellen von Forschungsfragen bekamen wir viele Anregungen. Konkret auf Impulse des Amtes zurückzuführen sind die Projektideen zum Aufbau der Schicksalsgeschichten und die Einbindung des Lübecker Digitalen Kulturwerks zur Veröffentlichung und Erhöhung der Transferierbarkeit der Ergebnisse.

Welche weiteren Akteure wurden eingebunden?

Museen der Stadt Lübeck, heutige Besitzer der Baudenkmäler, Kirchen und (Fach-)Bibliotheken öffneten uns ihre Türen und unterstützten uns mit ihrem Wissen und ihren Kompetenzen.

Welche praktischen Erfahrungen machten die Schülerinnen und Schüler im Projekt bis jetzt?

Die Lernenden erfahren den Wert der denkmalpflegerischen Arbeit, indem sie ihnen selbst zuvor unbekannte Inhalte, die sie dennoch dank der Förderung durch denkmal aktiv von nun an interessieren, zielgruppengerecht in verschiedenen Sprachen aufbereiten, wodurch sie sich auch mit sprachlichen Registern in verschiedenen Sprachen auseinandersetzen. Sehr praxisbezogen ist die Arbeit an originalen Quellen und authentischen Orten wie im Stadtarchiv oder in Grabungen teilweise in den Katakomben der größten Kirchen der Stadt, wodurch nicht nur abstrakte Erfahrungen gemacht werden, sondern vom Graben als physischer Tätigkeit bis zur Forschung zur Erlangung akademischer Würden breite Berufsfelder konkret kennengelernt werden.

Welche Rechercheergebnisse oder neue Kenntnisse sind den Lernenden besonders wichtig?

Franzosen lebten in Lübeck. Das ist schon einmal etwas Beachtliches, wenn man die Entfernung zum Rhein bedenkt. Sie herrschten und beeinflussen den Alltag spürbar bis heute (Straßennetz, Hausnummerierungen, Gerichte, …). Da sie in der Franzosenzeit meist innerhalb der Stadtmauern z.B. bei Familien lebten, wurden sie hier in der Regel zwangseinquartiert. Das erzeugte eine Menge an besonderen, im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdigen Schicksalen, die wiederum erlebbare Spuren im Stadtbild hinterließen. Wichtig ist den Lernenden aber auch, die Architektur in einen Zusammenhang mit diesen Schicksalen zu stellen und heutige Nutzungsmöglichkeiten zu entwickeln, um das Bewusstsein für den Wert von Denkmalen und Denkmälern insgesamt zu erhöhen.

 

Wir bedanken uns herzlich für die großzügige Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz!

 

Frau Steinbrenner und Herr Naumann, Projektlehrkräfte

 

 

Comments are closed.