„Der 9. November macht es uns wahrlich nicht einfach“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede am 9.11.2025 im Schloss Bellevue bei der historisch-literarischen Matinée „Wegmarken und wehrhafte Demokratie“ zum 9. November. Und es stimmt: Der 9. November ist ein so vielschichtiges und historisch bedeutendes Datum, dass es unsere Geschichte und so auch unsere Zukunft prägt.
Einerseits erinnert der Tag an den Mauerfall 1989, andererseits an die Reichspogromnacht 1938. Zudem wurde vor 107 Jahren zum ersten Mal in Deutschland eine Demokratie ausgerufen – die Weimarer Republik. Heute steht unsere liberale Demokratie wieder unter Druck: Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit bestehen weiterhin, die Spaltung zwischen Ost und West ist noch immer spürbar. Genau deshalb wurde diese Matinée veranstaltet: um uns an diesem ambivalenten Datum, das von Licht und Schatten geprägt ist, bewusst zu machen, was wirklich zählt und dass wir für die Demokratie einstehen müssen.
Ich hatte das große Glück zu dieser Matinée eingeladen zu werden. Mein diesjähriger Beitrag beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten – ein Podcast über den Widerstand in der DDR und den Mauerfall – passte thematisch zur Matinée und so durfte ich zusammen mit fünf weiteren Preisträger:innen aus Deutschland im Schloss Bellevue im Publikum sitzen und den Reden auf der Bühne lauschen.
Der erste Teil der Matinée wurden von drei Künstler:innen gestaltet, die Originaltexte von Menschen aus den Jahren 1918, 1938 und 1989 vorlasen. Die Veranstaltung begann mit einer Lesung aus einem Tagebuch von 1918, das die Gründung der Weimarer Republik beschreibt. Der Autor, Graf Kessler, richtet sich an die damalige Jugend: „Gestaltet den Geist um!“ Damit macht er deutlich: Es ist Zeit für etwas Neues, es ist Zeit für Demokratie. Dieses Zitat lässt sich auch gut auf unsere Gegenwart übertragen. Auch wir müssen unseren Geist öffnen und uns aktiv für den Erhalt unserer Demokratie einsetzen.
Um die emotionalen Qualen zu Zeiten des Nationalsozialismus und die Bedrohung der Juden spürbar zu machen, wurde ein Brief von Paul Celan aus dem Jahr 1938 vorgelesen, in dem er seine Trauer und Einsamkeit im Exil während des Nationalsozialismus beschreibt. Er schreibt: „Trost wäre die eigene Träne in der warmen Hand eines Freundes.“ Celan beschreibt die Sehnsucht nach Familie und Freunden und lässt uns die Isolation jener Zeit miterleben.
Ein weiterer Text, Nelly Sachs’ „Leben unter Bedrohung“, thematisiert die Ermordung der Juden. Sie beschreibt den Verlust ihrer Freiheit und all ihrer Rechte als „Tod im offenen Grab“. Das Verbrennen jüdischer Texte in der Reichspogromnacht beschreibt sie als „Sterben, ohne gemordet zu werden“. So wurde auf eindrückliche Weise sichtbar, wie jüdisches Leben, ihre Traditionen und Identität systematisch ausgelöscht und Stück für Stück vernichtet wurden.
Zum Thema Mauerfall wurde das Gedicht „Rondeau Allemagne“ von Barbara Köhler vorgelesen. Zunächst beschreibt sie den Mauerfall als „grenzenlose Freude“. Doch neben dem Licht der Freiheit gibt es auch die Schatten der Unsicherheit. Für viele Menschen war der Fall der Mauer ein tiefer Einschnitt in ihren Alltag: neue Regeln, neue Strukturen, ein völlig anderes Leben. Das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland brachte Freude, aber auch Angst und Orientierungslosigkeit. Köhler beschreibt das in ihrem Vers: „Ich harre aus in einem Land und geh ihm fremd.“ Sie ist zwar in Deutschland, fühlt sich aber noch nicht wirklich heimisch, das Zugehörigkeitsgefühl ist gestört. Ähnlich thematisierte Elke Erb in ihrem Gedicht die kulturellen Herausforderungen: „Wie soll Kultur in einem Land entstehen, das so kulturlos wirtschaftete?“ Auch hier wird deutlich, dass der Mauerfall nicht nur Freiheit, sondern auch große Umbrüche und Anpassungen mit sich brachte.
Zwischen den Texten gaben kurze musikalische Beiträge einer Cellistin die Möglichkeit, die teils schweren Texte zu überdenken und darüber zu reflektieren.
Im zweiten Teil der Matinée trat unser Bundespräsident Steinmeier auf die Bühne. Er sprach ebenfalls von diesem ambivalenten Datum, das es uns „wahrlich nicht einfach gemacht hat“. Er erinnerte an die schrecklichen Taten und zugleich an die Neuanfänge, die an diesem Tag möglich wurden. Daraus schloß er: „Zeit zu verlieren haben wir nicht. Wir müssen handeln.“
Steinmeier betonte die Bedeutung der wehrhaften Demokratie, die wir alle achten und verteidigen müssen. Er warnte vor der wachsenden Gefahr durch Rechtsextremisten und erklärte, dass „mit Extremisten keine politische Zusammenarbeit“ möglich sei. Hetze, Hohn und Hass seien Gift für die Demokratie und führten zur Gewalt. Besonders wichtig fand ich, dass Herr Steinmeier den 9. November als Mahnung deutete: Wir dürfen nicht wegsehen, sondern müssen aktiv dafür sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Die sogenannte „Brandmauer“ zwischen demokratischen Kräften und extremistischen Ideologien müsse verteidigt werden.
Nach den Reden folgte ein Empfang mit kleinen Häppchen, bei dem man die Gelegenheit hatte, sich mit den Gästen auszutauschen. Besonders beeindruckend war, wie zugänglich und offen alle waren: Mitarbeitende des Bundespräsidialamtes, Politiker:innen und weitere Gäste kamen auf uns zu und erzählten mit uns. Die Atmosphäre war dabei alles andere als steif oder formell, vielmehr herrschte eine entspannte und herzliche Stimmung. Ich konnte viele interessante Gespräche führen und sogar ein paar Worte mit Bundespräsident Steinmeier wechseln.
Für mich war dieser Besuch im Schloss Bellevue ein unvergessliches Erlebnis. Die Matinée hat gezeigt, dass Geschichte lebendig ist, uns prägt und uns immer wieder mahnt, wachsam zu bleiben. Sie hat mir erneut vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich für Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit einzusetzen – heute mehr denn je.
Clara Edner




























