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Gedanken zur Abientlassung 2020 und zuvor

Der Abiturjahrgang 2020 wird, daran dürfte wohl kaum ein Zweifel bestehen, in die Annalen der Geschichte eingehen. Sicherlich wird man noch in 10, 20 oder 30 Jahren von diesem Jahrgang sprechen, ihn als sogenannten Corona-Jahrgang betiteln. Doch muss dieses vermeintliche Stigma tatsächlich auch so negativ ausgelegt werden? Berechtigte Zweifel erscheinen mir hier angebracht. In diesem Kontext erscheint mir ein Rückblick auf vergangene, man könnte auch sagen, „normale“ Abiturfeierlichkeiten angebracht.

Diese wurden stets mit einem enormen Aufwand durchgeführt, fast wäre man versucht zu sagen, inszeniert. Unter dem feierlichen Klang Händelscher Musik wurden die Schüler, einem Staatsakt gleichend, in die Kirche geführt und nach zahlreichen, bedeutenden Reden des Schulleiters, eines Klassenlehrers, eines silbernen und goldenen Abiturienten, sowie weiterer wichtiger Personen, begleitet. Danach wurden die Feierlichkeiten mit einem ebenso umfangreichen Sektempfang fortgesetzt und gipfelten dann am Abend in einem Abiturball, der in den letzten Jahren, und dies stellt durchaus ein bundesweites Phänomen dar, an Dekadenz kaum noch zu überbieten ist. Die Ausgaben, die allein für Bekleidung und Verköstigung anfallen, haben mittlerweile Dimensionen erreicht, die man erst auf der eigenen Hochzeit wieder erreicht, und die sich mittlerweile zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt haben. Hier keimte in mir stets der Gedanke, oder besser gesagt, die kritische Frage auf, ob ein solcher Aufwand in einem sinnvollen Verhältnis zum Anlass steht.

Zweifellos stellt das Abitur einen wichtigen Meilenstein im Leben eines jungen Menschen dar, immerhin ist es der höchste Abschluss, den man in Deutschland im schulischen Rahmen erzielen kann. Man erwirbt die Studierfähigkeit sowie, so sollte es zumindest sein, auch eine allgemeine geistig-kognitive Reife. Doch die tatsächlichen Herausforderungen des Lebens stehen den AbiturientInnen ja erst noch bevor und es wird sicherlich einige Situationen geben, in denen sie weitaus mehr in die Waagschale zu werfen haben.

Immer wieder wird im Zusammenhang mit der Corona-Krise die Chance der Menschheit gesehen, ihre eigene Lebensweise einer kritischen Betrachtungsweise zu unterziehen. Können wir ewig auf der Grundlage des Wirtschaftswachstums leben? Müssen wir jedes Jahr an jeden Punkt dieser Erde reisen, wohl wissend, dass dieses Verhalten fatale ökologische Folgen nach sich zieht? Können wir uns weiterhin die totale Verfügbarkeit aller Waren oder Nahrungsmittel zu jedem Zeitpunkt des Jahres leisten, obwohl die Ressourcen unseres Planeten begrenzt sind und immer auch Menschen als billige Arbeitskräfte weltweit den Preis dafür bezahlen müssen?

Was im globalen Maßstab hinterfragt werden sollte, erscheint mir auch im kleinen Rahmen als Kritik würdig. Würde nicht eine etwas bescheidenere Abiturentlassungsfeier dem gegebenen Anlass ein wenig gerechter werden, und wäre nicht, angesichts der enormen Herausforderungen vor denen die Menschheit steht, bereits hier ein erster Ansatz zu mehr Bescheidenheit geboten? Hier offenbart sich, dass die zunächst negative Konnotation der Bezeichnung „Corona-Jahrgang“ sich bei genauerer Betrachtung ins Positive transformiert. Anstatt einer pompösen Abschlusszeremonie findet in diesem Jahr eine besinnliche und im familiäre Rahmen sich vollziehende Feierlichkeit statt. Anstatt eines riesigen Abiturballs, in dem es häufig um einen Wettbewerb von Glanz und Glamour geht, findet möglicherweise eine kleine, aber von Nähe und gemeinsamer Freude geprägte Feier, wiederum in der Familie, ergänzt vielleicht durch enge Freunde, statt.

Somit könnte dieser Abiturjahrgang nicht für eine Verhinderung einer bisherigen schulischen Feierkultur, bedingt durch äußere Begebenheiten, sondern für den Beginn einer neuen, oder besser gesagt, besinnlicheren und bescheideneren Kultur des schulischen Feierns stehen.

Sascha Wien