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Alles nicht so einfach – Das Zitieren des N-Worts in der Diskussion

Der Umgang mit rassistischen Begriffen wie dem N-Wort und die Notwendigkeit der politischen Korrektheit wird in den letzten Jahren mehr und mehr thematisiert. Auch als in einem Englischkurs des Q1 Jahrgangs das N-Wort zitiert wurde, kam es zu einer Diskussion um die Frage, ob das Zitat zu rechtfertigen sei. Dieser Artikel präsentiert zwei Seiten dieser Diskussion. Er soll den Leser: innen keine Richtlinien vorgeben, sondern vielmehr zum Denken anregen und eine Diskussion anstoßen. Auch wollen wir klarstellen, dass es sich hier ausschließlich um das Zitat des N-Worts im historischen Kontext handelt. Wir sind uns einig, dass der sonstige Gebrauch, ob als Beleidigung oder beim Mitsingen eines Songtextes, zu verurteilen ist.

Pro: Warum ich das N-Wort zitiere

Vorab ist zu sagen, dass dieser Text nicht einen Lösungsansatz bieten soll, sondern vielmehr meine Zweifel ausdrücken. Er ist eher eine Auseinandersetzung mit den Argumenten für die Nutzung des N- Wortes in Zitaten. Die Gedanken dienen vornehmlich dazu den Leser: innen eine Meinungsbildung zu ermöglichen, und ihnen die dem Thema innewohnende Komplexität zu vermitteln. Um in dieses Thema einzusteigen ist es sehr wichtig, dass man im Falle der Nutzung des vorher besprochenen Wortes als Zitat, den Lesenden den historischen Kontext des Wortes vor Augen führt. Dies ist immer wichtig, z. B. auch bei Betrachtung der deutschen Geschichte, da vor allem in Bezug auf den Nationalsozialismus manche Lücken in der historischen Bildung klaffen. Ein Beispiel: die Redewendung „jedem das Seine“, die als Inschrift über dem Tor des Konzentrationslagers Buchenwald durch den Nationalsozialisten als Hohn gegenüber den Insassen angebracht wurde. Leider ist dieser Ausspruch vermehrt heutzutage im Sprachgebrauch vorzufinden. Dieser unbedachte Umgang mit antisemitischem und rassistischem Sprachgebrauch wird und muss durch die Gesellschaft und die Politik ohne Ausnahme klar benannt und verurteilt werden. So wird nicht totgeschwiegen, sondern kontextualisiert. Auch könnte ein Verbot, das N-Wort in Zitaten zu nutzen, eine andere, viel größere Auswirkung haben: Das Wort und seine unheilvolle Geschichte könnte im schlimmsten Fall sogar in Vergessenheit geraten, wie der Kabarettist und Schauspieler Marius Jung sagte (ZDF: „Politisch korrekte Sprache – Muss das sein?“). Es könnte sogar, falls das Wort aus Zitaten verschwinden würde, dazu führen, dass mit dem N-Wort auch die Auseinandersetzung mit den grausamen Geschehnissen diesbezüglich verblassen oder sogar verschwinden würde. Das Verbot eines Wortes ändert eben nicht die Vergangenheit, sondern kann im schlimmsten Fall sogar dazu führen, dass nicht die notwendige vollständige Aufarbeitung geleistet werden kann. „Sprachsäuberung ist wohlfeil und sinnlos. Denn Gesinnungen verschwinden nicht, wenn Wörter verboten werden. Das Verbot des Wortes „Endlösung“ hätte die Judenvernichtung nicht verhindert. Die Vergangenheit ändert sich nicht, wenn Denkmäler und Symbole vernichtet werden. Im Gegenteil, wer heute das Wort „Endlösung“ arglos verwendet, muss auf dessen Vergangenheit hingewiesen werden.“ („Rassismus verschwindet nicht, wenn das Wort Mohr aus dem Wortschatz verbannt wird: Wo sich die neuen Sprachsäuberer irren“ Rene Zeyer in Neue Zürcher Zeitung vom 16.06.2020) Zusammenfassend ist festzustellen, dass Sprache die Vorstellungs- und Gedankenwelt der Menschen zeigt, die sie nutzen. Sprache und Sprachgebrauch sind zu komplex um mit einfachen Maßnahmen, wie z. B. durch das Verbot eines Wortes tiefliegende Probleme in einer Gesellschaft zu lösen. Im Gegenteil: Sprach- und Sprechverbot sind Waffen zur Unterdrückung und Zerstörung von Identität, sorgsamer Umgang mit Sprache aber ist ein Instrument des intelligenten und der Komplexität angemessenen Umgangs mit historischem Unrecht. So ist es sehr wichtig, dass auf komplexe Fragen keine einfachen Antworten gegeben werden, da man nur in die Geschichte Deutschlands zurückblicken muss, um zu sehen, was dies bewirken kann.

Con: Warum ich das N-Wort nicht zitiere

Auch ich finde, dass eine Aufklärung über den historischen Kontext des N-Worts notwendig ist. Die Untaten, welche an schwarzen Menschen begangen wurden, dürfen keinesfalls vergessen werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Themen totgeschwiegen werden. Es ist auch nicht zielführend, sich im Namen der politischen Korrektheit unmündig eine Zensur aufzuerlegen. Vielmehr soll die Geschichte und die Entstehung des N-Worts betrachtet werden. An dieser Stelle erkennt man, dass es sich hierbei um ein zutiefst diskriminierendes Wort handelt, das erschaffen wurde, um Schwarze zu entmenschlichen und sie zu entwürdigen. Mit dem Wissen im Kopf kann man sich dann bewusst von dieser rassistischen Ideologie distanzieren, indem man sich dagegen entscheidet, das N-Wort zu zitieren. Lediglich ein Verbot aufzuerlegen „weil man das ja nicht mehr sagt“ reicht nicht aus. Wir als Gesellschaft müssen uns aktiv mit diesem Teil der Geschichte befassen, der unter keinen Umständen ein Tabu-Thema werden darf. Es muss eine längst überfällige Diskussion über unsere rassistische und kolonialistische Geschichte geben, die teilweise schon begonnen hat, aber sicherlich noch nicht abgeschlossen ist. Wir müssen es als unsere Pflicht ansehen, diese Geschichte aufzuarbeiten. Darüber hinaus ist es notwendig, zu erkennen, dass Rassismus nicht in der Geschichte abgeschlossen ist, sondern sich in den Gedanken der Mitglieder unserer Gesellschaft wiederfindet. Denn „Wir sind alle rassistisch sozialisiert“, wie es die Autorin und Antirassismus-Trainerin Tupoka Ogette sagen würde. Unser Rassismus kann nicht aufgearbeitet, geschweige denn beendet werden, wenn diese Sprache weiterhin benutzt wird. Denn jedes Mal, wenn das N-Wort in den Mund genommen wird, wird Rassismus reproduziert. Jedes Mal, wenn das N-Wort in den Mund genommen wird, wird ein Bild von schwarzen Menschen gezeichnet, das sie entwürdigt. Was den Unterricht betrifft, fügt das Zitat des Worts ihm keinen edukativen oder pädagogischen Wert bei. Eher im Gegenteil, Schüler:innen fühlen sich darin bestätigt, diese Sprache zu benutzen. Sie lernen, dass es akzeptabel ist, diskriminierende und rassistische Worte zu verwenden. Wird es hingegen nicht genutzt und im besten Falle auch noch darüber aufgeklärt, warum nicht, gehen wir einen wichtigen Schritt in Richtung Bekämpfung von Rassismus. Dann wird die Würde der schwarzen Schüler:innen, die das Katharineum besuchen, sowie die Würde von schwarzen Menschen weltweit, sowohl heute als auch die, deren Geschichten wir im Unterricht thematisieren, gewahrt. Sie alle verdienen Respekt. Was benötigt wird ist also kein simples Verbot des N-Worts, sondern, mit Blick auf die rassistische Geschichte und deren Auswirkungen auf die Gegenwart, eine bewusste Entscheidung gegen den Gebrauch des N-Worts. Sprache ist ein Spiegel des Respekts, der anderen Menschen gegenüber aufgebracht wird. Und das Katharineum sollte ein Ort der Bildung sein, an dem jede:r respektiert wird und sich keine:r durch die im Unterricht verwendete Sprache diskriminiert fühlen muss.

Miriam Fischer und Julius Gubler